Neulich habe ich ein Foto aufgegabelt, auf dem ein schlafender Hund zu sehen ist. Durch einen Zufall löst das Foto im menschlichen Wahrnehmungssystem das aus, was man ein Vexierspiel nennt. Einmal sieht man einen Hund. Dann sieht man die Umrisse eines riesigen Penis. Dann wieder einen Hund. Der Fotograf hat das mit erheitertem Staunen im Dateinamen vermerkt („Mein Hund sieht aus wie ein flauschiger Penis“).

Der Hund kann nichts dafür (wofür?), der Fotograf auch nicht. Etwas passiert im Bewusstsein des Betrachters. Facebook hat das Hundefoto, dem ich den Titel „Schwanzhund“ verliehen habe, gelöscht und mich verwarnt (wofür?). Unter dem Bild habe ich vermerkt: „In memoriam Loriot“. Ein Link führt von dort auf die Scrabble-Szene aus dem Loriot-Film „Ödipussi“ (!), in der zwei ältere Damen und ein Herr im Anzug Worte legen, unter anderem „Quallenknödel“, „Hundnase“ und „Schwanzhund“. Man kommt zu dem Schluss, dass es das von Tante Mechthild gelegte Wort „Schwanzhund“ nicht gibt. Als ich das Foto des schlafenden Hunds gesehen habe, war mir sofort – und auf eine triumphale Weise, an der Loriot sich ruhig noch hätte mitfreuen dürfen – klar: Gibt es doch! Ein neues Wort, das schon mal provisorisch geschaffen worden war, war nunmehr faktisch in die Welt getreten. Ich bin Schriftsteller, für mich ist das etwas Feines.

Selbstverständlich habe ich für den Fall eines sittlich oszillierenden Fotos wie das des schlafenden Hunds Kriterien, die ich befrage, ehe ich ein solches Fundstück empfehle. Ich bedenke, dass in meiner Liste von sogenannten Facebook-Freunden lauter Erwachsene sind. Ich freue mich, dass sich durch den Verweis auf Loriot eine gewisse zivilisierte Selbstverpflichtung, nicht in unpassende Richtungen zu assoziieren, in die Angelegenheit bringen lässt – und zwar ohne Spielverderber sein zu müssen und indem es weiter vergnüglich bleibt, nunmehr als kleiner Tribut an den großen Vicco von Bülow.

Bei Facebook scheint der Inhalt von „Inhalten“ aber niemanden zu interessieren. Es geht offenbar eher darum, sich die Teilnehmer mit möglichst geringem Arbeitsaufwand vom Hals zu halten. Sie sollen brav miteinander spielen und den Reklamerand lesen, sonst fliegen sie raus. Das ist das Gegenteil von sozial.

Die Facebook-Anti-Porno-Brigade

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Schwanzhund auf den Index geraten sein kann. Das Blog „Gawker“ berichtete Mitte Februar von einem Marokkaner, der – für einen Dollar in der Stunde – für ein Subunternehmen im Auftrag von Facebook in einer Art Anti-Porno-Brigade tätig war (und sich missbraucht und ausgebeutet fühlte). Wie sollte so jemand die Ironie dieser Schwanzhundgeschichte erkennen, den eigentlichen Inhalt dieses kleinen – per se sozialen – Kommunikationsversuchs? Stattdessen entsteht eine missverständliche, vergröberte Situation, die pornografisch tut. Die zweite Möglichkeit: Ein anderes Facebook-Mitglied hat den Beitrag als „anstößig“ gemeldet. In dem Fall nimmt kein Mensch mehr mit einem Kontakt auf, sondern eine Software zur Prozessautomation im Geschäftsverkehr, die einem einen Textbaustein zustellt.