Der Modefotograf Peter Lindbergh hat die Branche revolutioniert. Gleich mehrfach. Er brach mit dem Glamour seiner Vorgänger. Seine Models liefen über die Straße, sie gingen und tanzten am Strand. Lindberghs Models waren in Bewegung. Keine Furcht einflößenden Statuen wie Helmut Newton sie liebte, sondern atmende, auch mal außer Atem geratende, lebendige junge Frauen.

Damit veränderte er unseren Blick auf die Frauen. Schönheit schien nicht mehr das Produkt harter Arbeit von Visagist, Designer und Fotograf zu sein, sie wurde gefunden. Auf der Straße, im Büro, im Alltag. Er lehrte uns, sie zu sehen. So wie er sie entdeckt hatte, an der Art wie Frauen eine Straße überqueren, wie sie einander zuwinken, so lehrte er uns sie in unserem Alltag zu sehen. Peter Lindbergh hat unsere Sinne erweitert.

Jedes von Peter Lindbergh fotografierte Model hörte auf, eines zu sein. Er machte sie kenntlich. Es heißt, er habe das Supermodel erfunden. Das ist nicht falsch. Aber wichtig ist es, zu begreifen, wie das geschah. Peter Lindbergh machte aus Kleiderständern Personen. Und wir, das die Modezeitschriften durchblätternde Publikum, erkannten sie wieder. Als Lindbergh im Januar 1990 auf das Titelblatt der britischen Vogue ein Foto brachte, auf dem sich Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington tummelten, da waren sie bereits Supermodels. Aber sie waren es erst geworden, nachdem Lindbergh aus Models Menschen gemacht hat.

Peter Lindbergh: „Ich denke, es gibt nichts Schöneres, als irgendwann man selbst zu sein.“

Der Humanist Peter Lindbergh hatte ihnen die Schminke vom Gesicht gewischt. In einem Interview mit der Berliner Zeitung erklärte er 2015: „Wer möchte schon im Ernst mit einer dicken Make-up-Schicht über seiner Haut fotografiert werden? Man kommt sich doch vor wie eine Schildkröte. Ich denke, es gibt nichts Schöneres, als irgendwann man selbst zu sein und auch so auszusehen.“

Das war die Botschaft seiner Fotografie. Er lehrte uns, die Person zu sehen, nicht das Image. Aber durch ihn lernten wir auch zu begreifen, dass man dem Image nicht entkommt. Man selbst zu sein, wurde jetzt selbst zum Image, zu einem extrem lukrativen dazu. So wurden aus Models mit dem kurzen Durchgang der Vermenschlichung Supermodels, die wichtiger wurden als die Mode, die sie trugen. Nicht weil sie lebende, atmende Menschen waren, wie Lindbergh das sich gedacht hatte, sondern weil ihre „Natürlichkeit“ sich als gigantische Wertsteigerungsmaschine herausstellte. Nicht allein für die Models, sondern für die damals rasant wachsende Mode-Industrie insgesamt, inklusive der Fotografen und natürlich auch für Peter Lindbergh selbst. Als er 1992 einen Vertrag mit dem amerikanischen Harper’s Bazaar unterzeichnete, soll er, so berichtet Wikipedia, einen siebenstelligen Betrag kassiert haben.

Als Peter Lindbergh Mode in Alltagsgeschichten verpackte, war das eine Revolution

Und die andere Revolution? Wieder ein Bruch mit der Welt der Ikonen, der statuarisch-schönen Bilder. Die italienische Vogue ermöglichte ihm, statt einzelne Modefotos zu machen, dreißigseitige Foto-Romane zu erzählen. Storytelling hat sich inzwischen als Technik der Markenentwicklung herumgesprochen. Als Peter Lindbergh Mode in Alltagsgeschichten verpackte, war das eine Revolution. Das in Italien in den 60er-Jahren so überaus erfolgreiche Genre des Fotoromanzo gab es schon lange nicht mehr. Es erschien aber wiedergeboren in Lindberghs Modestrecken: veredelt und banalisiert zugleich. Veredelt, weil Lindberghs Fotografien alles übertrafen, was die Handwerker des Fotoromanzo jemals zustande gebracht haben. Banalisiert aber auch, denn die Geschichten standen ja jetzt nicht mehr für sich allein, sondern sie lieferten Reklame für die Designer.

Peter Lindbergh: Vom Schaufensterdekorateur zum Modefotograf

Peter Lindbergh starb im Alter von sieben Jahren. Denn mehr als 65 Jahre lang hat im Pass des 1944 im heute polnischen Lezno Geborenen gestanden: Peter Brodbeck. Schon Anfang der Siebzigerjahre nahm er den Künstlernamen Lindbergh an, um nicht mit einem in Düsseldorf bereits ansässigen Fotografen verwechselt zu werden. Nach Abschluss der Volksschule arbeitete er als Schaufensterdekorateur bei Karstadt und Horten. Danach studierte er Bildende Kunst in Krefeld. 1971 machte er eine zweijährige Ausbildung als Fotograf. 1976 ging er nach Paris und startete eine der größten Karrieren in der Modefotografie des 20. Jahrhunderts. Wer sich für seine Fotos interessiert, der sehe sich seine Bücher bei Schirmer/Mosel und Taschen an. Er wird überrascht sein, wie viele er davon kennt. Lindbergh hat auch Filme gedreht. Über seine Arbeit, über Pina Bausch, aber auch Experimentelles.

Peter Lindbergh gehörte – auf dieses „e“ würde ich gerne verzichten – zu jenen seltenen Menschen, denen es gelungen zu sein schien, aus dem Schildkrötenpanzer, in dem wir alle uns verstecken, auszubrechen und sie selbst zu sein und nicht nur so auszusehen, sondern auch diesen Anblick ertragen zu können. Oh, wenn wir ihm das abgucken könnten!