Berlin - Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College in London ist noch vorsichtig mit seiner Bewertung der Ereignisse von Berlin, wäre aber über einen Anschlag nicht überrascht.

Herr Neumann, fällt Ihnen zu dem Vorfall am Breitscheidplatz etwas ein?

Neumann: Wenn es sich um einen Anschlag des Islamischen Staates oder einen sonst wie dschihadistischen Anschlag handeln sollte, dann würde er relativ gut ins Konzept passen. Das gilt für die Methode des Anschlags, Deutschland als Ziel, den Weihnachtsmarkt – das würde ins Schema passen. Es wäre jedenfalls keine Überraschung.

Und diese Verbindung nach Polen?

Ich habe vor zwei Wochen am Flughafen in München ein Auto ausgeliehen, das ein slowakisches Kennzeichen hatte. Das muss also an sich noch gar nichts bedeuten.

Das Ereignis wirkt wie die Wiederholung des Anschlags von Nizza im Juli, bei dem 86 Menschen starben?

Ja. Und ich habe auch damals schon gesagt, dass das in Nizza so erfolgreich war aus der Sicht des IS, wird vermutlich dazu führen, dass man es imitiert. Denn keiner hat vorher gedacht, dass man mit einem einfachen Automobil 86 Menschen umbringen kann.

Sollte man jetzt alle Weihnachtsmärkte schließen?

Natürlich wird es Leute geben, die nicht mehr kommen werden und die sehr vorsichtig sind. Das wäre aber schade. In einer Gesellschaft wie der deutschen ist jedes Ziel möglich. Man braucht keinen Weihnachtsmarkt, um einen Lkw in eine Menge reinzufahren. Dann heißt es als nächstes, wir können in einer Fußgängerzone nicht mehr einkaufen gehen, weil da auch ein Lkw reinfahren könnte.

Die einzige relative Sicherheit hat man, wenn man sich zu Hause einschließt. Das wäre dann jedoch kein lebenswertes Leben mehr. Ich würde mich persönlich jedenfalls nicht davon abhalten lassen.

Würde das Ereignis, wenn es ein Anschlag war, die Psyche der Deutschen verändern?

Ja, stärker als die Anschläge, die wir bisher gesehen haben. Die Deutschen haben in der Vergangenheit sehr viel Glück gehabt. Selbst im Sommer war es ja so, dass bei den Anschlägen letztlich nur die Attentäter gestorben sind und wir in Deutschland noch keinen großen Anschlag auf Deutsche hatten. Wir hatten 2012 das Attentat am Frankfurter Flughafen. Da waren das Ziel allerdings amerikanische Soldaten.

Es ist ansonsten in Deutschland noch niemand, der nicht Attentäter war, bei einem großen dschihadistischen Anschlag umgekommen. Ein Anschlag würde die Debatte, die wir bisher relativ abstrakt geführt haben, noch viel konkreter machen. Und das würde leider nicht immer eine schöne Debatte sein.