Am Donnerstagabend kurz nach 18 Uhr wird es plötzlich laut in der Gethsemanekirche. Die etwa hundert Besucher auf den Holzbänken klatschen und johlen, sie lachen und sie freuen sich. Peter Steudtner, der am Vorabend aus der türkischen Untersuchungshaft entlassen wurde, ist wieder in seiner Heimatstadt Berlin. Der 45-jährige Politikwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist bei Amnesty International ist Mitglied der evangelischen Gemeinde in Prenzlauer Berg. Viele kennen den zurückhaltenden Vater von zwei Kindern, der mit seiner Familie ganz in der Nähe der Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg lebt.

Seit seiner Verhaftung im Juli haben Freunde, Unterstützer und Kollegen jeden Abend in Fürbittgottesdiensten für den Inhaftierten gebetet, gesungen und die Glocken der Kirche läuten lassen. Steudtner hatte im türkischen Gefängnis zu den abendlichen Andachten die Lieder seiner Gemeinde mitgesungen. „Unsere Gebete wurden erhört“, sagt eine Frau.

Die Pfarrerin der Gemeinde, Jasmin El-Manhy, dankt ihrer Gemeinde für die monatelange Solidarität. „Heute überwiegt die Freude, die Kerzen brennen aus Dankbarkeit. Wir freuen uns und jubeln! Halleluja, Gott sei Dank!“, ruft sie. Die Männer und Frauen in der großen Kirche antworten laut „Halleluja!“

Warten auf die Ankunft

Den ganzen Tag über blieb unklar, wann Peter Steudtner in Berlin ankommen wird. In der Nacht zu Donnerstag konnte Steudtner zusammen mit sieben weiteren Menschenrechtlern das Silivri-Gefängnis westlich von Istanbul verlassen. Sein Anwalt kündigte zu diesem Zeitpunkt an, sie würden den frühstmöglichen Flug nach Berlin nehmen.

Und so herrschte am Donnerstagmorgen auf dem Flughafen Tegel große Aufregung. Um kurz vor zehn Uhr landete dort die erste Maschine aus Istanbul. An Gate C hofften Kamerateams und Fotografen, dass Steudtner gleich die Ankunftshalle betreten würde. Doch Steudtner kam nicht. Angeblich sollte er dann am späten Donnerstagabend nach Berlin zurückkehren. Dann berichteten Medien, Steudtner sei bereits am Nachmittag in Berlin eingetroffen und vermutlich abgeschirmt vom Rollfeld mit einem Auto vom Gelände des Flughafens Tegel gebracht worden.

Wann auch immer der Menschrechtsaktivist und Bürgerrechtler am Donnerstag in Berlin gelandet ist, die Öffentlichkeit sollte davon nichts mitbekommen. Auf Wunsch der Familie wolle Steudtner im privaten Rahmen wieder deutschen Boden betreten, teilte Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller mit. Er habe Steudtner in das Rote Rathaus eingeladen und freue sich, „wenn er mich besucht, sobald er das möchte“, sagte Müller.

In der Gethsemanekirche rechnet am Donnerstagabend niemand damit, dass Peter Steudtner dort erscheinen wird. Für seine stille Rückkehr ohne Trubel und Menschenmassen haben offenbar alle Verständnis. „Er soll in Ruhe ankommen und sich vor allem seelisch erholen“, sagte die Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein der Berliner Zeitung.
Der Kirchengemeinde dankte sie für die „Treue und Beharrlichkeit“. Die täglichen Fürbitten in der Gethsemanekirche seien „ein ermutigendes Beispiel für Beistand und Widerstand“. Die Gemeinde habe die Aufmerksamkeit an den Inhaftierten wachgehalten.

Frei, aber nicht freigesprochen

Die Besucher gehen zum Altar, sie zünden Kerzen an, begrüßen und umarmen sich, klopfen sich auf die Schultern und lachen. Manche diskutieren, wie es nun weitergeht, ob Peter Steudtner verurteilt oder freigesprochen werde. „Es ein Terrorismusprozess“, sagt eine Frau. „Peter Steudtner ist frei, aber nicht freigesprochen.“

Dutzende Kerzen brennen auf dem Kirchenboden, inmitten von Zetteln, auf denen die Namen weiterer in der Türkei inhaftierter Menschen stehen, etwa die Journalisten Mesale Tolu und Deniz Yücel. 169 Journalisten sitzen in türkischen Gefängnissen. „Wir bleiben dran“, sagt Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein „Wir beten und kämpfen für die noch Inhaftierten!“