Berlin - Die Alternative für Deutschland zieht mit 93 Abgeordneten als drittstärkste Kraft in den Bundestag ein, sie ist mittlerweile auch in 13 Landtagen vertreten. Noch aber ist sie weit von Geschlossenheit entfernt, die verschiedenen Strömungen bekämpfen sich heftig, es brodelt und gärt vielerorts. „Unsere Partei ist ein gäriger Haufen“, formulierte das Alexander Gauland am Montag.

Wenige Minuten zuvor hatte Frauke Petry, die eine der beiden Bundesvorsitzenden war und bei der Bundestagswahl ein Direktmandat geholt hat, ihre Kollegen aus der Parteispitze mit der Ankündigung überrascht, der Fraktion wegen des Rechtskurses nicht angehören zu wollen. Einen Tag später gab sie bekannt, auch aus der Partei auszutreten, am Freitag wollte sie die Trennung endgültg vollziehen. Dann ist auch der Posten des zweiten Parteichefs – neben Jörg Meuthen – neu zu besetzen. Im Gespräch ist die Berliner Abgeordnete Beatrix von Storch.

Was Petry vorhat und ob sie eventuell eine neue Partei gründet, darüber wird nun heftig spekuliert. Sie hat mittlerweile bestätigt, eine Internetdomain „dieblauen.de“ angemeldet zu haben. Ihr Ehemann Marcus Pretzell schürte die Spekulationen weiter und sagte dieser Zeitung, man plane eine bundesweite Partei nach Vorbild der CSU. In der neuen Bundestagsfraktion herrschte zwar geradezu Erleichterung über Petrys Entscheidung, leichte Nervosität war aber bei der konstituierenden Sitzung am Dienstag und Mittwoch dennoch zu verspüren. Zu ihr erschienen alle 93 Abgeordneten geschlossen, ob das so bleibt, ist offen. Denn jetzt geht es erst einmal darum, die wichtigen Posten zu besetzen, allerdings sind die neuen Fraktionschefs Gauland und Alice Weidel sehr bemüht, auch gemäßigte Kräfte einzubinden.

Flügelkämpfe in den Landtagen

Auch in den Landtagen finden Flügelkämpfe statt, praktisch überall sind die Fraktionen heute kleiner als direkt nach der Wahl. Größere Absetzbewegungen sind bislang aber nicht zu beobachten. Eine Übersicht.

Sachsen: Frauke Petry sorgte nicht nur in Berlin für Aufruhr, sie legte auch ihr Amt als Fraktionsvorsitzende im Dresdener Landtag nieder. Drei ihrer engsten Vertrauten, der parlamentarische Geschäftsführer Uwe Wurlitzer und ihre Stellvertreterin Kirsten Muster, traten ebenfalls von ihren Ämtern zurück, auch die Abgeordnete Andrea Kersten trat aus der Fraktion aus. Alle vier sitzen nun als fraktionslose Abgeordnete im Landtag und nahmen am Mittwoch in der letzten Reihe der Fraktion Platz. Die AfD-Fraktion schrumpfte damit von 14 auf zehn Mitglieder. Nur einen Tag später trat auch der stellvertretende Landesvorsitzende und Pressesprecher der sächsischen AfD Thomas Hartung zurück. „Die Begründung ist kurz: Ich sehe derzeit zwei für mich unvereinbare Strömungen in der AfD.“ Die Kritik am Verhalten Petrys bezeichnete er als „Hexenjagd auf Andersdenkende“. Anders als Petry, die – noch – Landeschefin in Sachsen ist, will Hartung aber vorerst in der Partei bleiben.

Nordrhein-Westfalen: Auch im Düsseldorfer Landtag schrumpft die AfD-Fraktion von 16 auf 14 Abgeordnete. Frauke Petrys Ehemann Marcus Pretzell war dort Landes- und Fraktionschef der AfD und hat sowohl die Fraktion als auch die Partei verlassen. Auch Pretzells Stellvertreter Alexander Langguth geht. Beide wollen aber weiter als fraktionslose Abgeordnete im Landtag bleiben.

Mecklenburg-Vorpommern: Bereits kurz vor der Bundestagswahl kursierten Spekulationen über einen bevorstehenden Austritt mehrerer Fraktionsmitglieder im Schweriner Landtag. Nur einen Tag nach der Wahl traten tatsächlich vier Abgeordnete aus der Fraktion aus – bisher war die AfD sogar zweitstärkste Kraft. Die Abtrünnigen bildeten eine neue Fraktion mit dem Namen „Bürger für Mecklenburg-Vorpommern“ im Landtag. Dazu gehören der Landesvorsitzende Bernhard Wildt, der wenige Tage später ebenfalls seinen Parteiaustritt ankündigte, sowie der parlamentarische Geschäftsführer Matthias Manthei.

Der Bruch war offenbar seit Wochen geplant. Als Grund nannte Wildt die mangelnde Distanz der AfD zu Gewalt und Rechtsradikalismus, er verneinte aber die Frage, ob die Abspaltung mit Petry abgestimmt sei. Die neue Fraktion wolle „systemstabilisierend“ wirken, sagte er. Auch die Abgeordnete Christel Weißig, die ebenfalls zu den Abweichlern gehört, erklärte, dass sie die Partei verlassen werde. Der zweite Landeschef Leif-Erik Holm, der als Spitzenkandidat über die Landesliste in den Bundestag eingezogen ist, begrüßte die Entscheidung Wildts, das Verhältnis galt seit langem als zerrüttet. „Nach der verantwortungslosen Abspaltung im Zuge der konzentrierten Petry-Aktion war der Verbleib in der AfD weder den Wählern noch Mitgliedern zu vermitteln“, giftete er. Kurz zuvor hatte Holm die Spaltungsgerüchte noch als „Quatsch“ abgetan. Die alte AfD-Fraktion hat nun statt wie anfangs 18 nur noch 13 Abgeordnete. Bereits im August war Fraktionsvize Holger Arppe ausgetreten, nachdem rassisistische und zu Gewalt aufrufende Chats von ihm bekannt geworden waren.

Thüringen: Auch die Fraktion des Rechtsaußen Björn Höcke ist kleiner geworden, dort sitzen für die AfD nur noch acht statt elf Abgeordnete. Zwei sind heute Fraktionslose im Landtag, AfD-Mann Oskar Helmerich wechselte zur SPD.

Baden-Württemberg: Wie kaum eine zweite hat die Fraktion in Stuttgart im vergangenen Jahr für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. Wegen des heftigen Streits um die antisemitischen Äußerungen des Abgeordneten Wolfgang Gedeon spaltete sich ein Teil der Fraktion um Fraktionschef Jörg Meuthen, der auch der zweite Bundesvorsitzende ist, ab, dann vereinigten sich die beiden Flügel aber wieder. Gedeon ist heute fraktionsloser Abgeordneter.