Ein Mensch geht spazieren. Er sieht eine Blume am Wegesrand. Blassblau, und wunderschön. Er möchte zu Hause davon erzählen, vielleicht seinen Kindern oder der Geliebten, von der er weiß, sie mag Blumen. Nun möchte er das Blümlein nicht mitnehmen. Weiß nicht mal, ob er es pflücken darf. Er kann jetzt sein Smartphone zücken und eine App sprechen lassen. Oder er kann, wie es seit Jahrzehnten Millionen Menschen tun, ein Buch zur Hilfe nehmen. Es heißt „Was blüht denn da?“, ist älter als die Bundesrepublik, schwerer als viele Notebooks und wird wegen seiner Nützlichkeit und Schönheit immer weiter gekauft, in andere Sprachen übersetzt und neu aufgelegt.

Dass der Bachbungen-Ehrenpreis keine Auszeichnung ist, sondern eine Blume, erfährt der Mensch auf Seite 202. Er erfährt es schnell. Der Bachbungen-Ehrenpreis gehört, wie etwa der Gamander-Ehrenpreis, zu den Braunwurzgewächsen, blüht von Mai bis September und ist sehr verbreitet. Warum er das so schnell weiß? „Was blüht denn da?“ ist unterteilt in fünf Farbgruppen (plus Gräser), sowie innerhalb dieser Gruppen in Blütenformen (radialsymmetrisch und zweiseitig symmetrisch), und Blättchenzahl (vier, fünf oder mehr). Der Mensch hat also nachgeschlagen unter Blütenfarbe Blau, Blüten radiärsymmetrisch, vier Blütenblätter. Er hat die Blume mit den Zeichnungen verglichen und – den „Bachbungen Ehrenpreis“ gefunden!

Zauberschöne Zeichnungen

Bei Unsicherheiten helfen weitere Beschreibungen zu Vorkommen und Aussehen, bei Neugier Näheres zur Namensgebung, zum Verhalten und zur Herkunft der Pflanze. Sehr nützlich ist auch die Rubrik „Verwechslung“. So läuft der Leser nicht Gefahr, etwa eine Gewöhnliche Seekanne, die allerdings ziemlich selten ist, mit einem Europäischen Froschbiss zu verwechseln. Vorkommen: Zerstreut.

80 Jahre alt wird das Buch dieses Jahr. Zum Geburtstag hat es eine Überarbeitung und das nunmehr siebte Titelbild bekommen. Eine Deutsche Schwertlilie ziert den vornehm blassen Deckel. Meine Ausgabe (1998) hatte Klatschmohn, Gänseblümchen und Butterblümchen auf dem Cover. Herrlich altmodisch, ein Buch wie ein Spaziergang in der Kindheit. Apropos Kindheit: Die Ausgabe meines Vaters trug außen Goldregen, und unter dem Titel stand „Der große Kosch“, nach dem damaligen Autor. Mein Autor war Dietmar Aichele, er verstarb 1997 kurz vor Veröffentlichung der 56. Auflage. Die neue heißt Margot Spohn.

Was bleibt und, so scheint es, alle anderen Bücher, Apps und E-Books (zur neuen Ausgabe gibt es das aus dem Hause Kosmos gratis dazu) überleben wird, ist der Titel, der beeindruckende Umfang, die zauberschönen Zeichnungen von Marianne Golte-Bechtele und die einfache Handhabung. Die Grande Dame unter den Pflanzenführern folgt strikt dem Prinzip „Hilfe für jedermann“, wie es im Vorwort einer älteren Ausgabe steht. Das bedeutet auch, dass die Sprache zugleich verständlich und präzise ist. Beim Bachbungen-Ehrenpreis sind die Blüten eben nicht nur blau, sondern auch „dunkler geadert“, die Blätter haben eine „eirundliche“ Form, der Stängel ist „etwas knotig“. Das verweist auf den Namen Bachbungen, so wird erläutert, enthält er doch das altdeutsche Wort „Bungo“, Knolle. Muss man das wissen? Nein, muss man nicht. Aber es macht Spaß.

Ein floraler Sprachschatz

Überhaupt, die Wörter. Die Lektüre bringt die Fantasie zum Fliegen wie Pollen. Ein wenig behaarter Kälberkropf, dazu zottigen Klappertopf, eine Fingerspitze stinkende Nieswurz – Begriffe wie aus der Zaubertrankstunde. Die stinkende Nieswurz ist übrigens giftig. Man erkennt sie an ihren hellgrünen Blüten, „in lockerer Rispe, glockig nickend“. Das Buch ist voll von solchen Sommerwiesensätzen. Von Blüten ist da die Rede, die „quirlartig in den Achseln der oberen Blättern“ sitzen, die „Oberlippe flach helmförmig, am Schlund zwei Zähnchen“. Beschrieben ist hier der Weichhaarige Hohlzahn. Juni bis Oktober. Gleich will man losgehen, einen finden. Man kann natürlich auch die Foto-Ausgabe kaufen, die es seit 1991 als Ergänzung gibt. Doch Fotos zeigen immer nur Individuen, erst Zeichnungen veranschaulichen das Typische einer Pflanze; daher eignen sie sich auch viel besser zur Bestimmung.

Der zarte Strich der 2 065 kleinen Kunstwerke weckt vor allem Neugier, zum Beispiel auf das Rote Waldvögelein, das eben kein Vogel ist, die gewöhnliche Küchenschelle, hinter der man bisher eine Ohrfeige vor dem Kühlschrank vermutete, und die Knack-Erdbeere. Warum man sie nicht essen sollte, steht auch in „Was blüht denn da?“ Abteilung Blütenfarbe Weiß, Gruppe radiärsymmetrische Blüten, fünf Blütenblätter.