Wenn die Sonne im roten Meer versinkt, füllen sich die Korbsessel auf der Straße vor meinem Hotel. Dabei gibt es hier gar keinen Meerblick, nur ein Fluss schiebt träge seine Brühe vorbei. Touristische Sehenswürdigkeiten hat die gemütliche Kleinstadt an der Südküste Kambodschas nicht zu bieten. In einer der paar Kneipen läuft jeden Dienstag „Killing Fields“, in einem tropischen Garten am Flussufer finden Yogakurse für Frauen statt. Aber an der Sitzecke vor meinem Hotel gibt es frisch gezapftes Bier und deshalb treffen sich die Liebhaber europäischer Feierabendbräuche hier.

Sie kennen sich alle. Meist sitzen sie schweigsam wie versteinerte Schlachtrosse nebeneinander und blinzeln ab und zu in die letzten Sonnenstrahlen. Sie haben alle Zeit der Welt, sie sind Rentner. Sie werden Expats genannt, von: Ex patria, fern der Heimat. Es gibt so viele hängengebliebene Ausländer hier, dass sie eine eigene Zeitung haben. Im Kampot Survival Guide finden sich etwa Tipps dazu, was Haftcreme hier heißt, und wo man sie herkriegt.

Bob aus Kalifornien war zehn Jahre lang in Bangkok im Restaurantgewerbe, seit zwei Jahren lebt er in Kampot im Ruhestand. Er hat ein Apartment gemietet für einen Hunderter monatlich. Er sitzt in kurzen Hosen immer im selben Sessel, sein iPad und ein Buch vor ihm auf dem Tisch. Paul wohnt in meinem Hotel, er ist Arzt und war lange Jahre in der ganzen Welt für eine deutsche Hilfsorganisation tätig.

Ganz eigenes Modell des Ruhestands

Jetzt lebt er meistens in Südchina in einer Wohngemeinschaft, lernt Chinesisch und schreibt ein Buch über TCM, traditionelle chinesische Medizin. Der Pensionär Conny aus Chicago kommt gerade von den Philippinen zurück, da sollen die Ärzte ganz gut sein. Zwei gebrechliche Zausel mit Pilgerstock wackeln vorbei, einer bleibt stehen und mustert mich schon mal als potenziellen Neuzugang in der Rentnergang. Dann bimmelt der Eismann, und wir essen alle ein Waffeleis.

Strandgut oder Lebenskünstler? Alle sind singuläre Individualisten mit Auslandserfahrung. Für dieses Ruhestandsmodell muss man mit dem Alleinsein und der Fremdheit klar kommen. Dazugehören wird man nie.

Alt, arm, allein? So lauten die Schreckensperspektiven für viele Frauen meiner Generation. Zumindest arm und allein wäre ich hier nicht. Die Kaufkraft meiner Rente ist das Vierfache wert, und bei den vielen Singlemännern fände sich vielleicht noch einer für mich. Wo eine Frau für weniger als 100 Euro monatlich Billig-Klamotten im Akkord herstellt, kommt man mit ein paar Hundertern mehr schon ziemlich weit.

Althippies, wie ich einer werden könnte, können sich ihre Bedürfnislosigkeit sogar als asiatische Assimilation schönreden. Überwintern im Arthrose-freundlichen Klima ist jedenfalls keine schlechte Vorstellung. Doch das geht nur, solange man selbstständig ist und mobil. Tausende Deutsche, vornehmlich Männer bislang, nehmen das Rentnervisum wahr. Gegen den Nachweis eines monatlichen Mindesteinkommens – manche überweisen sich das reihum im Kreis – oder eines Sparguthabens von 20 000 Euro erteilt Thailand Menschen über 50 ein Jahresvisum. Einmal im Jahr fliegt man nach Hause, besucht Familie, geht zum Arzt und erneuert sein Visum.

Aber was ist, wenn man ernsthaft krank wird, pflegebedürftig gar? Ein paar Ferienresorts stellen sich längst auf die Dauergastkundschaft ausländischer Rentner ein. Das Leben im thailändischen Hotel hat auch der Berliner Kleinverleger Peter G. seiner drohenden Altersarmut vorgezogen. Er erfüllte sich einen Traum und wohnte die letzten sieben Jahre seines Lebens in einem Apartment im 20. Stock des Royal Lanna in Chiang Mai. Jeden Tag ging er in den Keller aufs Laufrad. Fit sein ist noch so eine Voraussetzung für ein selbstständiges Leben im Ausland. Und wenn man dazu keine Lust mehr hat oder nicht mehr kann?

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, was Senioren, die sich niederlassen wollen, für rund 900 Euro monatlich in Thailand erwartet.