Berlin - Krankenpflege, das ist doch ein schöner Beruf. Man hört das noch, auch von Menschen, die es besser wissen sollten, weil sie selbst in der Pflege arbeiten. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, tut das in der Regel nicht mal eben so. Dass die Krankenpflege ein harter Job ist, gehört für sie zur Realität – ein harter, mitunter undankbarer und vor allem schlecht bezahlter Job.

Er verdient eine Aufwertung, mehr Anerkennung und eine bessere Entlohnung. Auch deshalb fordert die EU-Kommission eine Anhebung der Zugangsvoraussetzungen zur Krankenpflegeausbildung. Sie will, dass künftig zwölf Jahre Schulbildung oder eine entsprechende Berufsvorbereitungszeit vorweisen muss, wer den Beruf des Krankenpflegers erlernen will. Derzeit werden ein Realschulabschluss oder der Hauptschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung vorausgesetzt.

2100 Theorie-Stunden

Wer sich umhört in der Krankenpflege, erfährt, dass die Forderung nach einer Verschärfung der Zugangsvoraussetzungen zur Pflegeausbildung Unterstützung findet. Sie sei „längst überfällig“, findet etwa die Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe, Gudrun Gille. „Die Anforderungen an die Auszubildenden sind gestiegen“, sagt sie. „Wer das Niveau der pflegerischen Ausbildung stabilisieren will, kann mit dieser Forderung nur einverstanden sein.“

Allein 2100 Theorie-Stunden muss ein Krankenpfleger oder eine Krankenpflegerin in der Ausbildung absolvieren. Früher waren es 1600 Stunden. Der Erwerb von Kenntnissen in Anatomie oder Physiologie setzt eine entsprechende Allgemeinbildung voraus. Dazu kommen in der dreijährigen Krankenpflegeausbildung die Grundlagen der Gesundheits- und Krankenpflege (1000 Stunden), Geistes- und Sozialwissenschaften (300 Stunden) sowie Rechts- und Wirtschaftswissenschaft (150 Stunden). „Die Auszubildenden müssen in der Lage sein, abstrakt denken und komplexe Zusammenhänger erfassen zu können“, erklärt Gille.

Sichere Allgemeinbildung

Besondere Kenntnisse und Fähigkeiten aber erfordere vor allem die Situation der Pflegebedürftigen. „Pflegebedürftige Menschen sind maximal hilflos. Wir können sie nicht Menschen überlassen, die nicht in der Lage sind, Dosierungen zu berechnen, weil sie die Prozentrechnung nicht beherrschen.“ Leider wisse man aus der Praxis, dass Fehler wie diese nicht selten vorkommen.

Auch die Pflegedokumentation erfordere eine sichere Allgemeinbildung, sagt Gille. „Die Auszubildenden müssen in der Lage sein, Vorgänge schriftlich festzuhalten. Wie soll sonst der Frühdienst wissen, was im Nachtdienst vorgefallen ist?“

Auszubildende mit einem Hauptschulabschluss seien damit häufig überfordert, weiß Gille. „Das heißt nicht, dass wir sie in der Pflege nicht haben wollen“, sagt sie. „Wir wollen allen, die sich zur Pflege berufen fühlen, auch ermöglichen in der Pflege zu arbeiten.“ Allerdings wünscht sich Gille für unterschiedliche Qualifikationen auch ein entsprechend gestaffeltes System. „Wir brauchen Pflegespezialisten ebenso wie Krankenpflegehelfer.“

Überstunden und Wochenenddienste

Die logische Konsequenz einer höheren Qualifikation sei allerdings auch eine bessere Bezahlung. „Wer mehr Pflegekräfte will, muss den Beruf attraktiver machen“, fordert die Verbandspräsidentin. 1600 Euro netto, der Durchschnittslohn für eine Krankenpflegerin, die neben einer 38,5 Stunden-Wochen, regelmäßige Überstunden und Wochenenddienste einplanen muss, sind wenig attraktiv. Gille ist sich allerdings sicher, dass der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal über kurz oder lang dazu führen wird, „das gute Leute auch besser bezahlt werden“.

Der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe befürchtet dagegen, dass die beabsichtigte Änderung der Ausbildungsvoraussetzungen den Personalmangel in der Pflege weiter verschärfen wird. „Gerade angesichts des Fachkräftemangels braucht die Pflegebranche jeden jungen Menschen, der neben dem intellektuellen Vermögen vor allem soziale Kompetenzen mitbringt, wie Motivation, Empathie und die Fähigkeit durch Interaktion mit Menschen Erfahrungswissen zu sammeln“, stellt der Bundesgeschäftsführer des VDAB, Thomas Knieling, fest. „Bildungsideologische Hürden“ seien kontraproduktiv. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft befürchtet eine Verschärfung des Personalmangels.