Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. 
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Berlin - Die Kollegin erzählt es beim Mittagessen: Ihre Mutter ist schwer krank, hat nicht mehr lang zu leben. Doch das größte Problem der Tochter ist nicht der Tod. Sie findet einfach niemanden, der ihre Mutter bis dahin betreut. Zumindest nicht zu Hause. So wie es sich die 68-Jährige wünschen würde.

Noch vor wenigen Jahren hätten sich Pflegedienste um eine Patientin mit Herzproblemen im Endstadium zwar nicht gerissen, aber sie hätten sie gut versorgen können. Im eigenen Umfeld, wie es über 80 Prozent der Deutschen wollen. Zwar schon damals nicht mit viel Zeit, aber immerhin mit Fachkenntnis. Das ist vorbei.

Der Sozialdienst im Krankenhaus einer brandenburgischen Kleinstadt antwortet der Kollegin auf die Frage, wo sie einen Pflege- oder Palliativdienst finde: Aktuell nirgendwo. 

Pflegebedarf hat sich verdoppelt

Das Problem ist bekannt, es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: „Pflegenotstand“. Aber wie kann es sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt ausgerechnet die Menschen, die Deutschland zu Wohlstand verholfen haben, am Ende ihres Lebens ohne Hilfe sind? Also aktuell wirklich komplett ohne Unterstützung?

Anruf beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) in Berlin. Geschäftsführer Bernd Tews sagt: Es gebe nun mal nicht genug Pflegekräfte. Das ist nicht neu. Dass viele Heime und auch Krankenhäuser gnadenlos unterbesetzt sind. Dass Fachkräfte ausbrennen und aus dem Beruf flüchten. Neu ist diese Aussichtslosigkeit, überhaupt noch jemanden zu finden, der einem hilft. Dass sie auch die Pflegedienste betrifft, also die Pflege zu Hause. 

Vor ein paar Jahren gab es noch einen Wettbewerb unter den Pflegediensten.

Bernd Tews, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Pflegedienste

„Das ist richtig“, sagt Tews, „vor ein paar Jahren gab es noch einen Wettbewerb unter den Anbietern.“ Da konnten Patienten unter 14.000 ambulanten Pflegediensten auswählen. Passte etwas nicht, wechselte man zum nächsten, der sich über Kundschaft freute. Immerhin zahlen die Kassen im Monat bis zu 2.000 Euro pro Patient für minutenweise Verrichtungen. Das Geschäft schien sich zu lohnen. Und immer mehr Menschen werden zu Hause betreut.

Innerhalb von zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die zu Hause betreut werden, fast verdoppelt, von 1,4 auf 2,7 Millionen Pflegefälle. Unterdessen stieg die Zahl der Menschen, die in Heimen gepflegt werden, trotz der demographischen Entwicklung von knapp 600.000 auf gut 800.000 nur leicht an. Die Pflegedienste gleichen das nicht aus.

Auch deshalb werden die meisten Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen betreut, von den 2,7 Millionen Pflegebedürftigen haben 1,8 Millionen keine Hilfe von außen. Sie haben keinen Pflegedienst und auch keine osteuropäische Hilfskraft. Doch manchmal brauchen Angehörige oder allein lebende Patienten einfach Unterstützung. 

Diese Unterstützung gibt es kaum noch. Unter anderem liegt das an Corona, erklärt Tews. Viele Pflegekräfte wurden schon bei Anfangsverdacht in Quarantäne geschickt. „Patienten waren von allen am meisten betroffen, das war eine hoch sensible Gefahrensituation.“ Die Quarantänefälle fehlen in der ohnehin angespannten Personalsituation. Doch wie kam es überhaupt zum pflegerischen Engpass auch zu Hause? 

Dazu kann ein Sozialrechtler aus Dresden Auskunft geben, der viele Pflegedienste betreut: Alexander Huhn. Er sagt: „Das ist eine zwingende Spätfolge der Gesundheitsreformen der vergangenen 25 Jahre.“

Schon Anfang der 90er-Jahre war klar: Der Bedarf an Pflegekräften steigt enorm. „Das war so lange kein Problem“, so Huhn, „weil es im Zuge der sozialen Umwälzungen in den 90ern genug Personal gab.“ Damals waren viele Menschen bereit, aus eigener Tasche die Altenpflegeausbildung zu bezahlen. Sie haben alles getan, um einen Job zu haben. So schildert es Huhn. Deshalb gab es auch genug Fachkräfte. 

In den 2000er-Jahren wurde Arbeit zum Mindestlohn unbeliebter. Doch durch die Krankenhausfinanzierungsreform, die Einführung der Fallpauschalen, wurden Arbeitsplätze im fünfstelligen Bereich abgebaut, das Personal wechselte in die ambulante Pflege. So waren wieder genug Leute da, die zu geringen Löhnen arbeiteten. „Aus Sicht von Politik und Verwaltungsspitzen war das eine ideale Welt“, sagt der Anwalt, „bis vor fünf, sechs Jahren.“

Überalterte Bevölkerung, große Entfernungen

Dann zerschlugen sich die Hoffnungen auf billige Pflegekräfte aus Osteuropa durch die EU-Erweiterung. Plötzlich fanden die ersten Einrichtungen keine Kräfte mehr. Vor drei Jahren musste der Gesetzgeber nachsteuern: Anbieter dürfen nun höhere Entgelte von den Kassen verlangen. „Jetzt haben die Krankenhäuser festgestellt, dass sie ohne Pflegekräfte gar nicht arbeiten können“, sagt Huhn und meint das nicht als Scherz. „Die haben das auf die Spitze getrieben mit der Arbeitsverdichtung.“ Inzwischen haben Kliniken nicht mal mehr Pflegeschulen, sie wurden nicht finanziert. Also gibt es kaum Nachwuchs. 

Wie von heute auf morgen ist der Arbeitsmarkt eingebrochen.

Sozialrechtler Alexander Huhn

Wie von heute auf morgen sei der Arbeitsmarkt eingebrochen. Inzwischen hat in der Branche ein Umdenken eingesetzt, doch nicht alle Fehler sind behoben. Huhn: „Die Tariflöhne bewegen sich um die 19 bis 20 Euro. Ein Pflegedienstleiter kann gar nicht so viel einnehmen, wie er ausgeben muss für Löhne.“ 

Kassen zahlen Fahrtkosten nicht

Für die Kollegin und ihre kranke Mutter ist das kein Trost. Um diese kümmert sich nun der Vater, der selbst schon betagt ist. Die Pflege bleibt an den Angehörigen hängen. Nur dass dieser Fall noch mal aussichtsloser ist als andere. Weil die Mutter in Brandenburg lebt.

In den östlichen Bundesländern mit wenigen Einwohnern, viel Fläche und vergleichsweise alter Bevölkerung lohnt es sich für Pflegedienste kaum noch, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Das liegt an den Kassen. Sie zahlen die Fahrtkosten nicht mehr. Stattdessen wird alles per Pauschale abgegolten. Ein kleiner Unternehmer kann sich dadurch die Kilometer nicht mehr leisten und auch nicht die Zeit für den Weg. „Es ist das Ergebnis des marktwirtschaftlich ausgerichteten Dienstleistungssystems, dass derjenige, der weiter weg wohnt, niemanden mehr bekommt“, so Huhn. So einfach, so bitter. Vor 25 Jahren, betont er, seien sie noch im Geld geschwommen.

Wie kann man die Fehler eines Vierteljahrhunderts Pflegepolitik lösen? Indem wir mindestens so viel Geld in die Hand nehmen, wie wir mit den Reformen eingespart haben, findet Huhn. Für eine attraktivere Ausbildung, eine bessere Pflegewissenschaft und ein insgesamt höheres Pflegeniveau. „Wir müssen das jetzt wiedergutmachen“, fordert der Anwalt.