Medizinisches Personal wird im Augenblick gefeiert. Das ist schön, hilft schlecht bezahlten Pflegekräften aber wenig.
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BerlinWer in der aktuellen Coronakrise von systemrelevanten Berufen spricht, meint vor allem das medizinische Personal. Auf einmal fällt der Gesellschaft auf, wie existenziell eine gute Gesundheitsversorgung ist. Jetzt, wo es jeden treffen könnte.

Das ist deshalb einigermaßen absurd, weil das ja ohnehin immer gilt. Jeder benötigt irgendwann im Leben ärztliche Hilfe, und die allermeisten werden auch irgendwann auf Pflege angewiesen sein. An irgendeinem Punkt geht es für jeden für uns um Leben und Tod. Doch so lange man sich gesund fühlt, fällt es leicht, das zu ignorieren. Wir verhalten uns wie Kinder, die sich beim Versteckspiel die Augen zuhalten: Wenn ich nichts sehe, sieht mich der Gegner auch nicht.

Arbeit unter prekären Bedingungen

Ärztinnen, Kranken- und Altenpfleger leisten die Arbeit, die auf einmal als so systemrelevant anerkannt wird, jeden Tag. Unter Bedingungen, die auch abgesehen von der aktuellen Lage prekär sind. Und die Versäumnisse werden nicht aufgewogen, nur weil medizinisches Personal jetzt von allen Seiten Applaus bekommt.

Es herrscht – wenn man vom Arztberuf absieht – eine erschreckende Arroganz gegenüber dieser Arbeit, die nicht selten leicht abfällig „sozial“ genannt wird. Die entsprechenden Berufe gelten wenig in einem kapitalistischen Haifischbecken, wo jeder nach oben schwimmt, der vermeintlich stark oder clever genug ist.

Soziale Berufe sind das Gerüst der Gesellschaft

Tatsächlich sorgen sogenannte soziale Berufe dafür, dass – um im Bild zu bleiben – die kranken Haie gesund und leistungsfähig werden und sich um angeblich wichtigere Dinge kümmern können. Damit sind soziale Jobs weit entfernt von jeder Sozialromantik. Sie sind das Gerüst, auf dem alles andere steht, und das, bräche es zusammen, alles mit sich in den Abgrund zöge.

Applaus ist schön. Am Ende aber gibt es nur ein Mittel, das dafür sorgen würde, den Mangel bei den systemrelevanten Berufen zu mildern, und das außerdem echte Anerkennung bedeutete: eine gute Bezahlung.