Achtung, verehrte Leserinnen und Leser, jetzt müssen Sie stark und tapfer sein. Denn, was wir Ihnen heute zu erzählen haben, hat die Welt an den Abgrund geführt. Kein Scherz, wir waren nur wenige Schritte entfernt von dem endgültigen Fall in den Wahnsinn. Nicht, was Sie denken, wir sprechen hier nicht von Pegida-Nörglern, Putin-Verstehern oder Pleite-Griechen, nicht einmal von den Klerikalfaschisten des Islamischen Staates.

Oh nein, die Lage ist viel schlimmer: Es geht um ein – Kleid. Und damit wir uns richtig verstehen, dieses Kleid ist keine Haute Couture, sondern ein Fummel für gerade mal 50 britische Pfund. Ein Fummel, dessen Zusammensetzung nicht gewöhnlicher sein könnte, nämlich 68 Prozent Viskose, 27 Prozent Polyamid und fünf Prozent Elastan.

Kleidfarben-bedingte Zerwürfnisse

Dieses Kleid nun kam im Netz zu unverhofften, aber auch zweifelhaften Ehren. Dazu gleich mehr. Erzählen wir die Geschichte der Reihe nach. Vor einiger Zeit hatte eine junge Frau auf der Blogging-Plattform Tumblr ein Foto von dem besagten Kleid gepostet. Im wahren Leben heißt die Dame Caitlin McNeill und lebt auf der schottischen Insel South Uist, bei Tumblr nennt sie sich Swiked.

Das gepostete Bild war eher von schlechter Qualität, nämlich unscharf und überbelichtet, aber McNeill wollte von ihren Lesern auch nur wissen, welche Farbe dieses gewöhnliche Stück Textil denn habe: Weiß-Gold oder Blau-Schwarz. Die Folge war eine heftige Debatte, an der sich Menschen auf der ganzen Welt beteiligten, darunter auch zahlreiche Prominente und sogar der Premierminister von Singapur.

Unter den Hashtags #TheDress und #dressgate wurde da heftig gestritten. Das Reality-Starlet Kim Kardashian wusste zum Beispiel via Twitter zu berichten, dass sie sich mit ihrem Mann, dem Rapper Kanye West, überhaupt nicht einigen könne. Passend dazu, berichtete die Schnellschuss-Website Buzzfeed von 18 Ehescheidungen in der Folge kleidfarben-bedingter Zerwürfnisse.

Überraschende Karriereschübe

Die Welt schien in zwei Lager gespalten. Verschwörungstheorien machten die Runde, etwa dass Menschen mit negativer Lebenseinstellung das Kleid in Blau-Schwarz sehen würden. Na ja, Fakt ist jedenfalls: Das Gehirn interpretiert den Licht- und Farbeinfall ins Auge von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Das aber heißt: Beide, die Weiß-Gold- und Blau-Schwarz-Seher, haben recht. In ihrer subjektiven Wahrnehmung. Denn in der Realität ist das Kleid Blau-Schwarz, wie man sich schnell auf der Seite des britischen Herstellers, Roman Originals, überzeugen kann. Dort wurde übrigens das bereits aus dem Programm gestrichene Kleid ob seiner unverhofften Prominenz wieder ins Angebot aufgenommen. Und es gibt einen weiteren Nutznießer: Caitlin McNeill. Die Sängerin der Folkgruppe Canach hat es mit ihrem Handyfoto geschafft, ihre Band weltberühmt zu machen. Ein unbeabsichtigter und daher superauthentischer Marketing-Coup.