Die philippinische Regierung verleiht jedes Jahr den Bagong-Bayani-Orden an Philippiner, die im Ausland arbeiten. Bagong Bayani, das bedeutet Neue Helden. Die Ausgezeichneten werden in den festlichen Räumen des Malacañang Palastes in Manila empfangen, der offiziellen Residenz des Präsidenten. Das ist ein Ausdruck der Wertschätzung, die die OFWs, die Overseas Filipino Workers, genießen. Rund zehn Millionen von ihnen gibt es, das sind etwa elf Prozent der philippinischen Bevölkerung. Und das Geld, das sie nach Hause schicken – mehr als 20 Milliarden Dollar waren es 2011 – ist ein höchst wichtiger Faktor für die heimische Wirtschaft. Die OFWs gehen weg, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen, und oft wird das Geld, das sie nach Hause schicken, auch wirklich für gute Schulen und eine bessere Gesundheitsversorgung ausgegeben. Aber ihre Kinder wachsen mindestens ohne einen Elternteil auf. Und meistens ist es die Mutter, die fehlt. Zwei Drittel der OFWs sind Frauen, die als Haushaltshilfen, Altenpflegerinnen oder Krankenschwestern engagiert werden.

Gestörte Kommunikation

Cellphone moms werden solche Mütter in den Philippinen genannt, Handy-Mütter. Denn die Beziehung zu ihren Kindern können sie nur per Handy aufrechterhalten. Manchmal sehen sie diese jahrelang nicht. Die Kommunikation ist oft gestört und erschöpft sich in Floskeln. „Ich liebe dich, pass auf dich auf.“ Das Geld, das sie für das Flugticket für den Heimatbesuch brauchen würden, schicken die OFWs oft lieber nach Hause. Nicht immer nur, weil es dort unbedingt gebraucht wird. Weil die Entfremdung dann erst wirklich spürbar wird, kann ein Besuch bei der Familie eine enttäuschende, schmerzhafte Erfahrung sein.

Die Nichtregierungsorganisation Athika kümmert sich um solche Familien, vor allem um die Kinder. Soziologen haben für sie den Begriff Migrationswaisen geprägt. Die Athika-Mitarbeiter bilden Lehrer darin aus, wie man mit dem Thema umgeht. Sie versuchen dabei, den Kindern zu vermitteln, wie der Alltag ihrer abwesenden Mütter oder Väter aussieht. Und dass Geld einen Wert hat. Denn die Kinder sehen ja ihre Eltern nie bei der Arbeit, sie bekommen nicht mit, wie das Geld verdient wird.

Die globale Betreuungskette

Wenn Frauen fern von ihren Familien im Ausland arbeiten, dann entsteht das, was die US-amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild „global care chain“ nennt, globale Betreuungskette: Ein reiches Land wie Deutschland holt sich Frauen aus einem armen Land wie den Philippinen, damit sie deutsche Kranke oder Alte versorgen. Das hat aber nicht zur Folge, dass die Männer zuhause sich um die Kinder kümmern, zumal in einer traditionellen Gesellschaft. Die philippinischen Männer können oft schlecht damit umgehen, dass die Frau das Geld verdient. Deshalb muss eine Schwester oder die Großmutter einspringen. Oder es wird jemand angeheuert, meistens eine Frau, die ihre Familie verlässt, um sich um eine andere Familie zu kümmern.

Denn in den Philippinen ist es nicht üblich, dass ein Kindermädchen abends nach Hause geht. Es lebt mit der Familie, für die es arbeitet. Oft ist die eigene Familie auch weit weg. Das Kindermädchen wiederum lässt sich in seiner Familie womöglich auch von einer Frau vertreten. Die Bezahlung der Frauen nimmt in dieser Betreuungskette immer weiter ab. Die Zahl der Kinder, die ohne ihre Mutter aufwachsen, aber wächst.