Berlin - Was in der Pandemie über mich eingebrochen ist, war echt krass. So viel Hass und Aggression. Über alle sozialen Medien, per E-Mail, als Briefe. Auf Telegram werden Videos geteilt, in denen ich vorkomme, und die Leute ziehen los und bewerten sie schlecht, auch meine Bücher bei Amazon. Das sind koordinierte Shitstorms, um der Person größtmöglichen Schaden zuzufügen.

Bei mir als Frau geht das, anders als bei männlichen Kollegen, viel über Äußerlichkeiten, sexualisierte Gewaltandrohung oder gefälschtes pornografisches Material. Oder mir wird die Kompetenz abgesprochen. Ich bekomme auch antisemitische Zuschriften. Und dann gibt es Hetze, wie von Männern, die mindestens rechtspopulistisch eingestellt sind, die vorantreiben wollen, dass Wikipedia-Artikel von Frauen gelöscht werden.

Pablo Castagnola
Zur Person

Pia Lamberty ist 1984 geboren. Die Sozialpsychologin forscht zu Verschwörungsideologien und ist Autorin des Sachbuchs „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“.

In sozialen Medien sind das immer neue Accounts. Ich habe schon meine Privatsphäre-Einstellungen restriktiver gemacht, aber die kommen nach – ohne Ende. Man kann blockieren, wie man will. Ich finde das bedrohlich. Wir sehen ja in Deutschland, dass Menschen umgebracht werden, physische Gewalt erfahren aufgrund einer rechtsextremen Ideologie.

Digitaler Hass hat reale Konsequenzen. Ein Typ hat mir ein dreiviertel Jahr lang jeden Tag geschrieben. Jeden Tag! Wenn ich auf der Straße bin, gucke ich mich um. Hat jemand ein Nazi-Shirt an? Ich poste nichts Privates über mich, darunter leide ich nicht, aber der Grund ist der Hass. Und nicht meine eigene Entscheidung. Sich damit zu beschäftigen, wie Accounts zu blocken, das macht echt Arbeit. Was mir hilft, sind Netzwerke von Leuten, die das kennen. Da sieht man, dass das systematisch verankert ist, dass man eine Projektionsfigur für ihr Feindbild ist.

Imanol Fernandez
Digitale Gewalt

Doxing, Cybermobbing, Hassnachrichten – digitale Gewalt nimmt zu. Warum sind oft Frauen und LGBTIQ die Zielscheibe? Was steckt dahinter? Wie kann man Betroffene unterstützen? Diese und weitere Fragen werden wir in dieser Themenwoche beantworten.

Ich stelle nie direkt eine Anzeige, das Ergebnis ist in der Regel frustrierend. Und es gibt ja immer wieder rechtsextreme Vorfälle in der Polizei. Ich gebe doch nicht meine Privatadresse an, wenn ich nicht weiß, ob meine Daten sicher sind. Eine Strafanzeige kann ein Sicherheitsrisiko sein. Es gibt zu wenige Opferberatungen und die, die es gibt, sind von Projektgeldern abhängig. Das ist ein Unding. So kommen viele mit dem Hass durch, obwohl es strafrechtlich relevant wäre.

Aufgezeichnet von Antonia Groß