Martin Delius sitzt für die Piratenpartei im Berliner Landtag. Im August soll der 28-Jährige zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses gewählt werden, der das Chaos um den neuen Berliner Flughafen untersucht.

Herr Delius, machen die Piraten Sommerferien – oder weshalb ist es so ruhig um Ihre Partei?

Nein, die Piraten befinden sich mitten in einer Phase der Konsolidierung, das ist auch dringend nötig nach dem rasanten Wachstum der vergangenen Monate. In den Wahlkämpfen gab es einen großen Hype, weil es interessant war, wie wir uns von den etablierten Parteien unterscheiden. Jetzt müssen wir die Parteistruktur, unsere Organisation und das Inhaltliche voranbringen – das ist weniger öffentlichkeitswirksam.

Die Piraten fielen zuletzt vor allem mit gegenseitigen Vorwürfen und Partei-Austritten auf.Diese innerparteilichen Reibungsverluste zeigen, dass wir alles andere als etabliert sind. Innerhalb von einem Jahr haben wir unsere Größe verdreifacht. Viele neue Mitglieder sind zu uns gekommen, mit denen wir jetzt die Wertegrundlage neu verhandeln müssen. Das ist die Konsequenz unserer offenen Strukturen. Jeder hat die Möglichkeit, sich einzubringen, alles bisher Dagewesene kann er infrage stellen. Damit enttäuschen wir Leute, die sich etwas anderes unter uns vorgestellt haben. Der Prozess ist schmerzhaft, aber wichtig, um den Piratenhype in etwas Produktives zu verwandeln.

Was verhandeln Sie denn neu?

Jede Menge. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Die Piraten lösen sich gerade von der absurden Vorstellung, ein Landes- oder ein Bundesvorstand einer Partei unserer Größe könne nicht „politisch“, sondern nur „verwaltend“ tätig sein. Die Piraten sitzen in vier Landtagen, die Bundespartei hat 30 000 Mitglieder – unsere Vorstände haben jetzt ganz andere Aufgaben als noch vor einem Jahr. Daran schließt sich die Frage an, ob es nicht Zeit wird, unser Führungspersonal zu bezahlen – was ich im Übrigen für richtig halte.

Der Hype flaut etwas ab, in aktuellen Umfragen liegen die Piraten nur noch bei acht Prozent.

Auf Bundesebene sind die Piraten eine Zwei-Prozent-Partei, so viel hatten wir bei der Bundestagswahl 2009. Umfragen spiegeln wider, wie viel Öffentlichkeit wir generiert haben. In den Landtagswahlkämpfen gab es viele Berichte über uns, und wir lagen bei 13 Prozent. Inzwischen dominiert das Thema Europa, und wir haben es leider nicht geschafft, unsere Positionen dazu nach außen zu transportieren.

Hat es nichts damit zu tun, dass die anderen Parteien bei Ihnen gnadenlos abkupfern, wenn sie alle twittern und sogar die CDU Liquid Feedback einführen will?

Die Parteien bedienen sich nicht bei uns, sondern bei einer neuen Kommunikationskultur. Die Piraten sind nicht die Netzgemeinde, wir nutzen lediglich besser als die anderen neue Kommunikationskanäle. Machen Sie nicht den Fehler zu glauben, dass in einer Partei wie der CDU die Einführung einer elektronischen Software zur Willensbildung die Partei in ihren Inhalten und Zielen flexibler macht.

"Ich halte nichts von dem Ausdruck Schwarmintelligenz"

Was können sich die Piraten von den anderen Parteien abgucken?

Ich sitze jetzt ein Dreivierteljahr im Berliner Abgeordnetenhaus und muss sagen, das Maß an Schauspielerei im Politikbetrieb hat mich schon überrascht, diese Diskrepanz zwischen der Substanz in Sachfragen und der Darstellung nach außen. Plenarsitzungen sind ganz großes Theater, die einer klaren Dramaturgie folgen. Spielt man mit, kann man punkten – auch wenn es mit der Sache nichts zu tun hat. Verstehen Sie mich nicht falsch, auf der Sachebene, in den Ausschüssen, kann man extrem viel erreichen. Doch das Theater müssen wir lernen.

Jetzt sollen Sie als Vorsitzender den Untersuchungsausschuss zum Berliner Flughafen leiten.

Ich freue mich auf die Aufgabe, weiß aber auch, dass die anderen Fraktionen damit durchaus unterschiedliche Ziele verbinden. In den Reihen von SPD und CDU hoffen viele, dass der Ausschuss von einem Dilettanten geführt wird, im Chaos versinkt und möglichst wenig herausfindet. Bei Grünen und Linken gibt es hingegen die Erwartung, dass wir Piraten anders an die Sachverhalte herangehen – und gerade viel herausfinden.

Ist die Hoffnung berechtigt?

Ich glaube schon. Wir haben beispielsweise vor, alle nicht-geheimen Dokumente zu digitalisieren und im Internet zu veröffentlichen.

Die Schwarmintelligenz im Netz soll Ihnen bei der Arbeit helfen?

Absolut, auch wenn ich nichts von dem Ausdruck Schwarmintelligenz halte. Politische Veränderungen werden von Einzelnen und kleinen Gruppierungen angestoßen, nicht von einer diffusen Masse aller. Wir wollen aber allen Interessierten die Möglichkeit zur Mitarbeit geben: Flugroutengegnern, Bürgerinitiativen, Risikomanagern, Brandschutzexperten, Juristen. Ihre Informationen dürfen Sie uns auch anonym übermitteln. Mit den Mitteln, die wir als Opposition haben, kann man diese Aktenberge gar nicht allein durcharbeiten.

Wie verträgt sich der Umgang mit vertraulichen Akten mit dem piratischen Ideal der Transparenz?

Ich sehe da keine Schwierigkeit, und bin darüber auch nicht, wie zu lesen war, verzweifelt. Solange ich gut begründe, weshalb etwas nicht öffentlich gemacht werden kann, akzeptiert das die Partei.

Wann, glauben Sie, nimmt der Willy-Brandt-Flughafen den Betrieb auf?

Ich habe meine Zweifel, ob er jemals fertig wird. Je mehr ich in den Akten lese, je mehr ich Fachleuten zuhöre, desto größer wirkt auf mich der Berg an Problemen, die dieser Flughafen lösen muss, bevor dort die erste Maschine abheben kann.

Das Gespräch führte S. Hebestreit.