Wäre er nicht gewesen, wo hätten die zahllosen Kameras bloß draufhalten sollen, als die Piraten 2011 zu ihrer eigenen Überraschung ins Abgeordnetenhaus einzogen? So aber hatten die Fotografen und Kameramänner ein selbstverständliches Motiv: den riesengroßen Mann, der seine Präsenz noch dadurch verstärkte, dass er Latzhose und Kopftuch trug, und zwar immer. Gerwald Claus-Brunner war eine Erscheinung, wie es sie im Abgeordnetenhaus noch nicht gegeben hatte, und auch in keinem anderen deutschen Parlament. Joschka Fischer in seinen Turnschuhen wirkte gegen ihn im Nachhinein wie ein angepasster Popper.

Mit Anpassung hatte es Claus-Brunner dann auch nicht so. Nicht in der Fraktion, wo er in mitunter heftige Auseinandersetzungen verwickelt war, die piraten-typisch auf Twitter ausgetragen wurden, aber auch in den Fraktionssitzungen und sogar im Plenum. Nicht in der Partei, für die er sich unermüdlich engagierte, wo er aber ebenso aneckte. Immer wieder kandidierte er für Ämter, kaum je bekam er eines. Bei der Wahl am Sonntag stand er auf dem vollkommen aussichtslosen Listenplatz 27.

Ein mitfühlender Mensch

Claus-Brunners wahre Leidenschaft war der Petitionsausschuss im Abgeordnetenhaus. Die Abgeordneten beschäftigen sich darin mit Beschwerden der Bürger gegen Behördenentscheidungen. Claus-Brunner nannte den Ausschuss einmal den wichtigsten des Parlaments. Und obwohl er eigentlich nur Stellvertreter für Fraktionskollegin Susanne Graf war, nahm er an fast jeder Sitzung teil. Sein Spezialgebiet war die Jugendpolitik, es ging um Gefährdung des Kindeswohls, um Schulversager, die eine zweite Chance brauchten. „Er hat jeden Fall penibel durchgearbeitet, oft auch persönlichen Kontakt mit den Betroffenen gehalten“, erinnert sich die Grüne-Abgeordnete Anja Kofbinger. „Ich glaube, er war ein sehr mitfühlender Mensch.“

Makabere Ankündigung

Makaber ist, dass Claus-Brunner seinen Tod auf einer der letzten Sitzungen des Parlaments ankündigte – sowohl gegenüber einem Staatssekretär, als auch im Plenum. Claus-Brunner hatte eine persönliche Erklärung zur Zusammenlegung der Planetarien und Sternwarten abgegeben. Er vermutete Korruption und sah sich bei der Aufklärung vom Senat behindert – die Fraktion teilte seine Einwände aber nicht. Zum Abschluss sagte Claus-Brunner: „Ihr werdet für mich zum Beginn einer Plenarsitzung aufstehen dürfen und eine Minute still schweigen.“

Die genauen Umstände seines Todes sind aber unklar. Am Montag fand die Polizei Claus-Brunner und einen weiteren Mann tot in seiner Steglitzer Wohnung. „Er hat wohl selbst seinem Leben ein Ende gesetzt. Genauere Umstände sind uns nicht bekannt; allerdings wussten wir von einer unheilbaren Erkrankung“, schrieb Fraktionskollege Simon Kowalewski.  Gerwald Claus-Brunner wurde 44 Jahre alt.