Robert Habeck ist schlecht gelaunt und muffelt vor sich hin. In knapp zwei Wochen ist Landtagswahl in Schleswig-Holstein und der Spitzenkandidat der Grünen sitzt auf einer Bank neben dem Wochenmarkt in Ahrensburg. An der Ecke spielt ein Akkordeon „La Paloma“ und der 42-jährige Habeck meint bitter, die Piratenpartei habe den Grünen nicht in die Suppe gespuckt. „Nein, die sind die Spucke in der Suppe.“

Noch vor einem Jahr galten die Grünen im Norden als die kommenden Königsmacher: Ob mit CDU oder SPD, ohne Grüne läuft nichts in Kiel.

Dann stachen die Piraten in See. Sie enterten das Berliner Abgeordnetenhaus, zogen im März in den Saarbrücker Landtag ein und schaffen es nach Lage der Umfragen auch bequem in die Landtage von Kiel und Düsseldorf. Nun hat Habeck ein Problem, die neue Unübersichtlichkeit. Er ist nicht mehr Königsmacher. Die Piraten liegen mit zehn Prozent nur drei hinter den Grünen. Er ist ratlos. An seiner Laune ändert auch nichts, dass sich die Piratenpartei seit Tagen in Debatten verheddert über hirnrissige Vergleiche mit der NSDAP oder über ehemalige NPD-Mitglieder, die sich ins Unterdeck der neuen Partei geschlichen haben.

„Was mit Martin Delius passiert ist, tut mir in der Seele leid“, meint Angelika Beer, 54, einst Grünen-Bundeschefin, heute Listenplatz sechs der Piratenpartei und damit wahrscheinlich ab dem 6. Mai Landtagsabgeordnete in Kiel. „Es ist dümmlich und ein Fressen für die Medien.“ Delius, Abgeordneter in Berlin, hatte den Aufstieg der Piratenpartei mit dem der NSDAP verglichen und anschließend zerknirscht seine Kandidatur für den Bundesvorstand auf dem Parteitag am Wochenende in Neumünster zurückgezogen.

Griff in die braune Kiste

Delius war nicht der einzige, der in die braune Kiste griff. Losgegangen war es mit dem Piraten Bodo Thiesen, der 2008 gemeint hatte, Deutschland habe 1939 Polen durchaus überfallen dürfen. Der Berliner Piratenchef Hartmut Semken hatte sich dann gegen Parteiausschlüsse ausgesprochen und das wieder mit NSDAP-Praktiken verglichen.

Nun, in den Wahlkämpfen und dem bundesweiten Umfragehype der Piraten, kocht das alles hoch. „Bei Leuten wie Thiesen würde ich sofort rückwärts aus dem Zimmer gehen“, meint Piratin Beer. Sobald sich die Aufregung der Wahlen gelegt habe, müsse die Partei einmal grundsätzlich klären, wie sie mit solchen Mitgliedern umgehen solle.

Die Piraten zahlen gerade den Preis für ihr Frühlingsmärchen: Hohe Aufmerksamkeit, scharfe Medienbeobachtung, Attacken der irritierten politischen Konkurrenz. Sie sammeln den Protest der Wutbürger, sie haben kein umfassendes Politikangebot, sie murkeln vor sich hin. Und sie erlauben sich peinliche Pannen: In Schleswig-Holstein, fand ein Internet-Blogger heraus, waren 43 Prozent des Piraten-Programms einfach bei anderen Parteien abgeschrieben worden. Aber offensichtlich stört das nicht.

Die Piraten erlauben sich Schnitzer, die andere Parteien in großes Tohuwabohu stürzen würden. Die einen fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen, andere das Wahlrecht ab zwölf, dritte die Schließung von Theatern. Was sie wollen, ist wenig und beschränkt sich auf den eigentlichen Kern der Partei: Sie wollen echte Teilhabe. Und sie sind gegen Kontrollen im Internet, gegen Überwachung und Urheberrechte. Ansonsten: Bastelstunde. Man schaut sich was ab und hat sich zu vielen Dingen noch gar keine Meinung gebildet. Im Bundesprogramm steht noch immer mehr zu Patentfragen als zur Finanz-, Außen- und Sicherheitspolitik.

Aber vielleicht kommt das ja noch. „Wir sind eine Mitmachpartei. Bei uns wird es immer gurgeln“, meint Angelika Beer. Der Weg ist das Ziel: Mitmachen, Liquid Democracy, das Parteivolk redet mit – so anstrengend, nervenaufreibend, verletzend und ineffizient das auch sein mag.

Die Piraten, erst vor sechs Jahren gegründet, haben einen Zulauf, der der Konkurrenz den Atem verschlägt: Über 25 000 bundesweit sind sie schon.

Angelika Beer macht in Neumünster beim wöchentlichen Piraten-Stammtisch mit. „Es ist wirklich erstaunlich“, sagt sie. „Beim letzten Mal waren 15 Neue da.“ Es hätten sich sogar Leute gemeldet, die wild Plakate für die Piraten im Landtagswahlkampf aufhängen wollten. Es sind der Frust und die Verdrossenheit über CDU, FDP, SPD, Grüne und Linke, die den Piraten in die Segel blasen.

„Leute, von denen ich das nie gedacht hätte, kommen an unsere Infotische und bieten Hilfe an“, sagt Beer. „Die wollen nur, dass wir den anderen kräftig in den Hintern treten.“