Berlin - Cornelia Otto sitzt in einem Café im Friedrichshain und staunt, wie sich die Ereignisse in ihrem Leben gerade ballen. Sie hat in der Nacht zuvor kaum geschlafen, vor Aufregung. Erst am Wochenende wurde die Politik- und Soziologie-Studentin ausgewählt, die Berliner Piraten in den Bundestagswahlkampf zu führen. Am Freitag zuvor hatte die 38-Jährige ihre letzten Uni-Prüfungen bestanden, dann kam schon der Parteitag. 80 Prozent der Mitglieder haben sich am Wochenende in einem komplexen Wahlverfahren, bei dem jeder mehrere Kandidaten ankreuzen konnte, für Otto auf Platz 1 ausgesprochen. Nur die ersten zwei Listenplätze gelten derzeit als aussichtsreich. Außerhalb der Piraten kennt bisher kaum jemand Cornelia Otto, innerhalb der Piraten hatte sie bisher keine herausgehobene Funktion. Sie protestierte 2009 gegen die Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung, kam so zu den Piraten. Sie schrieb Hintergrund-Briefings für Abgeordnete und Funktionäre. Sie beschreibt sich selbst als „wissenssüchtig“ und kann Kung Fu – das kann im schwierigen Bundestagswahlkampf nicht schaden.

Frau Otto, die Piraten sind eher männerdominiert, auf einmal stehen in Berlin aber vier Frauen an der Spitze in der Bundestagsliste. Wollten Sie das Klischee widerlegen?

Es gab im Vorfeld eine Diskussion, dass unbedingt eine Frau an die Spitze soll. Das hätte uns auch schaden können. Ich glaube, es ging am Ende weniger um das Geschlecht als um die Eignung. Zu mir sind im Anschluss viele Leute gekommen, die gesagt haben, ihr habt die bessere Kompetenz.

Nach der Wahl hat gleich ein Pirat auf Twitter geschrieben, die vier Spitzenfrauen seien nur wegen ihres Geschlechts gewählt worden. Ärgert Sie das?

Nein. Das sagt mehr über den anderen aus als über mich. Bei Sprüchen weit unterhalb der Gürtellinie hat der Bundesvorsitzende Bernd Schlömer sofort auf Twitter reagiert und geschrieben, dass er solche Sprüche nicht mehr dulden will. Das finde ich gut. Denn wer schweigt, stimmt zu. Die Aufschrei-Debatte hat mir gezeigt, dass wir uns stärker gegen sexistische Angriffe und sexuelle Belästigungen positionieren müssen, auch wenn ich persönlich zum Glück wenig negative Erfahrungen gemacht habe. Ich bin im Internet groß geworden, ich kenne den Ton.

In den achtziger Jahren, als Sie aufwuchsen, gab es das Internet doch noch gar nicht.

Naja, 1994 fing ich an, experimentierte mit Unix, wählte mich per Telnet über die Server der Uni Karlsruhe ein. Das Internet war für mich ein freies Experimentierfeld. Ich habe mir aus alten Joystick-Kabeln ein Nullmodem-Kabel gelötet. Meinen ersten Amiga bekam ich mit 13, spannend wurde es aber erst, als ich anfing, meine Rechner selbst zusammenzubauen. HTML habe ich mir, wie auch Lesen und Schreiben, als Autodidaktin selbst beigebracht.

Auf Ihrer Website steht, dass Sie für den Erhalt des Querumer Forsts bei Braunschweig demonstriert haben. Passen Sie nicht besser zu den Grünen?

Ich habe mit den Piraten eine Bürgerinitiative unterstützt. Das war eine kleinere Geschichte, hauptsächlich ging es um das zweite Projekt, gegen die Aussaat von Monsanto- und BASF-Saatgut auf freien, ungeschützten Forschungsfeldern. Aber ich habe mich nicht an Bäume angekettet. Ich engagiere mich für Transparenz, Datenschutz und Mitbestimmung. Da sind die Piraten näher dran. Ich will auch mit Hilfe des Internets neue Wege finden, Politik zu machen, ich bin Nerd, ein Tekkie.

Bei den Umfragen liegen die Piraten zwischen zwei und drei Prozent, die Partei scheint tot zu sein. Haben Sie eine realistische Chance?

Ich würde die Piraten noch nicht so schnell abschreiben. Wir sind immer für eine Überraschung gut. Wir dürfen uns nicht von den innerparteilichen Streitigkeiten zerfleischen lassen, sondern unsere Vision selbstbewusst und geschlossen präsentieren. In Berlin haben wir hier einen tollen Zusammenhalt, es gab viel Kollegialität unter den Bewerbern und Bewerberinnen. Ich war überwältigt von dem Wochenende, viele haben das ähnlich empfunden, die Euphorie der Anfangszeit war wieder da. Wenn wir es schaffen, die anderen Landesverbände mitzunehmen, dann schaffen wir das auch.

Viele Wähler sind aber enttäuscht, dass bisher inhaltlich so wenig kam.

Ich werde mich in den nächsten Tagen mit den anderen Kandidaten treffen, um über Schwerpunkte zu sprechen. Klar ist für mich: Unsere Themen Netzpolitik, Transparenz, Mitbestimmung müssen wir wieder nach vorne bringen. Ich habe mich in die Finanzpolitik eingearbeitet, weil es ein Thema ist, das mich sehr interessiert. Ich kann mir sehr gut vorstellen, als Bundestagsabgeordnete in den Finanzausschuss zu gehen. In der Finanzkrise mangelt es an Transparenz, nicht mal meine Professoren an der Uni können prognostizieren, wie es weiter gehen wird.

Wie sehr sind Sie an die Mitbestimmungs-Software Liquid Feedback gebunden?

Ich habe keinen Maulkorb, wenn Sie das meinen. Zu den meisten Themen haben wir inzwischen Positionen, die sich aus Liquid Feedback ableiten lassen. Als Autorin von Hintergrund-Briefings musste ich selbst zur Apotheken-Politik Stellung nehmen.

Sie leiteten früher mal ein kleines Elektro-Plattenlabel. Die Piraten sind für die Abschaffung des Urheberrechts und die Legalisierung illegaler Tauschbörsen. Wie passt das zusammen, haben Sie Ihren Künstlern nichts bezahlt?

Wir wollen das Urheberrecht gar nicht abschaffen. Wir erkennen die Rechte der Autoren an. Mich persönlich regt auf, dass man amerikanische Fernsehserien, die man in den USA legal gucken kann, hier aus Lizenzgründen nicht ansehen darf. Wenn man nicht warten will, bis die DVD in Deutschland herauskommt, bewegt man sich in einer legalen Grauzone. Das ist nicht zeitgemäß. Die Verwertungsgesellschaften sind gefordert, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ich würde auch dafür zahlen, ich bezahle auch für jeden Track, den ich mir herunterlade.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.