Berlin - Was haben der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher und der Berliner Jens Reißberger gemeinsam? Beide interessieren sich für die Ergebnisse unseres Bildungssystems, und beide testen junge Menschen deswegen.

Andreas Schleicher ist Chef der Pisa-Studie, der wichtigsten Bildungsstudie der Welt. Diese Studie hat Deutschland am Dienstag ordentliche bis gute, aber keine herausragenden Ergebnisse bescheinigt. Jens Reißberger ist Ausbildungsleiter bei B.I.N.S.S., einem mittelständischen Unternehmen aus Weißensee mit 150 Beschäftigten, das unter anderem Alarmanlagen und Videoüberwachung installiert. Dieses Jahr hat die Firma zehn Auszubildende eingestellt. Die Anwärter mussten einen Wissenstest absolvieren. „Wie viele Gramm sind eine Tonne?“, lautet eine Frage. Oder: „Wie groß ist die Winkelsumme in einem Viereck?“

Deutschland leicht über dem Durchschnitt

Schleicher kann Reißberger durchaus Hoffnung auf den einen oder anderen guten Bewerber in der Zukunft machen. Denn die neue Pisa-Studie zeigt: Das deutsche Bildungssystem hat sich nach dem katastrophalen Abschneiden bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 stabilisiert. Die Schüler erzielen im internationalen Bildungsbereich Ergebnisse leicht über dem OECD-Durchschnitt – auch wenn der Abstand zu den Pisa-Spitzenreitern wie Singapur und Finnland bleibt groß bleibt.

Für Pisa wurden mehr als 500.000 Schüler getestet, repräsentativ ausgewählt aus rund 29 Millionen 15-Jährigen in 72 teilnehmenden Ländern und Volkswirtschaften. Diesmal bildeten die Naturwissenschaften den Schwerpunkt des Pisa-Tests. In ihnen schnitten die deutschen Schüler ähnlich ab wie im Jahr 2006, als dieser Bereich das letzte Mal im Zentrum des Bildungsvergleichs stand. Damit ist Deutschland unter den besten zehn. Auch in Mathe und in der Lesekompetenz liegen die Werte über dem OECD-Durchschnitt.

Großer Einfluss des sozialen Hintergrunds

Unterm Strich bedeutet das: Deutschland hat ein ordentliches bis gutes Pisa-Ergebnis vorzuweisen, das jedoch mit mehreren Abers einhergeht. Der erste große Haken ist, dass in Deutschland der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Bildungsleistungen noch immer größer als im Durchschnitt der anderen OECD-Länder ist – obwohl hier zumindest einige Verbesserungen messbar sind. Zugleich schneiden Schüler mit Migrationshintergrund im Durchschnitt immer noch deutlich schlechter ab als ihre Altersgenossen. In Berlin mit seinen sozialen Problemen und Integrationsaufgaben sind diese Probleme von größter Bedeutung.

Im Bereich Naturwissenschaften, der in diesem Jahr besonders intensiv getestet wurde, bereitet Schleicher eines Sorgen: Die deutschen Schüler seien zwar besonders gut darin, Wissen zu reproduzieren – aber eben längst nicht Spitze, wenn es darum geht, das Wissen kreativ anzuwenden. Kritiker werfen den Machern der Pisa-Studie regelmäßig vor, diese Form von Denken nicht erfassen zu können. Schleicher hingegen betont, der Pisa-Test sei über die vergangenen Jahre kontinuierlich weiterentwickelt worden. „Darin, diese Form der Kreativität zu prüfen, sind wir mittlerweile sehr gut“, sagt er.

Keine Begeisterung für Naturwissenschaften

Die 15-Jährigen wurden nicht nur getestet, sondern auch befragt – insbesondere zum Schwerpunkt Naturwissenschaften. Eine Erkenntnis aus dieser Befragung: „Die deutschen Schüler sind zwar gut in Naturwissenschaften, aber sie begeistern sich nicht dafür“, sagt Schleicher. Das gehe damit einher, dass auch wirklich gute Schüler sich nicht vorstellen könnten, später mal eine Karriere als Naturwissenschaftler einzuschlagen, fügt Schleicher hinzu. Bei Mädchen ist dies noch stärker der Fall als bei Jungen. Und wenn Mädchen sich einen naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf vorstellen können, ist dieser eher im Gesundheitsbereich angesiedelt als im Ingenieurswesen.

In den Naturwissenschaften erzielt Deutschland mit vergleichsweise wenig Lernzeit in der Schule und zu Hause gute Ergebnisse. „Bei der Produktivität des Lernens steht Deutschland hier sehr, sehr gut da – fast so gut wie Finnland“, sagt Schleicher dazu. Anders als in Finnland, wo die Förderung eines jeden Einzelnen stark im Mittelpunkt steht, fühlen sich die deutschen Schüler von ihren Lehrern in diesen Fächern aber kaum unterstützt. Ein Hinweis darauf, dass gerade in Sachen individueller Unterstützung noch große Anstrengungen nötig sind, wenn Deutschland in Zukunft eine Chance haben möchte, in die Pisa-Spitzengruppe aufzuschließen. Der Gipfel ist noch weit entfernt.

Wer ausbildet, muss auch bilden

So verwundert es nicht, dass diejenigen, die auf dem Ausbildungsmarkt mit jungen Menschen zu tun haben, oft von Problemen berichten. So berichtet Ausbilder Reißberger: In Zeiten, in denen alle Informationen im Internet abrufbar seien, hätten „einige Schwierigkeiten, aus dem Buch zu lernen“.

Sein Fazit: Wer ausbildet, muss auch bilden. Deshalb bietet B.I.N.S.S. seinen Azubis zusätzlich zur Berufsschule einmal wöchentlich einen Treff an, in dem die Starken den Schwachen helfen und selbst Stoff wiederholen können. Dafür gab es dieses Jahr den Ausbildungspreis des Bezirks Berlin-Pankow. Eine Initiative, die auch OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher gefallen dürfte.