Berlin - Das deutsche Abschneiden bei der Pisa-Studie lässt sich, so tut es jedenfalls die OECD, in einem Bild beschreiben: Deutschland habe das Jammertal verlassen und befinde sich jetzt auf einer Art Hochplateau, finde aber keinen Anschluss an die Gipfelstürmer.

Das deutsche Bildungssystem hat sich also nach dem katastrophalen Abschneiden bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 stabilisiert. Die Schüler erzielen im internationalen Bildungsbereich Ergebnisse leicht über dem OECD-Durchschnitt. Der Abstand zu den Pisa-Spitzenreitern wie Singapur und Finnland bleibt aber groß.

Stillstand bei den Ergebnissen

Für Pisa wurden mehr als 500.000 Schüler getestet, repräsentativ ausgewählt aus rund 29 Millionen 15-Jährigen in 72 teilnehmenden Ländern und Volkswirtschaften. Diesmal bildeten die Naturwissenschaften den Schwerpunkt des Pisa-Tests. In ihnen schnitten die deutschen Schüler ziemlich exakt so ab wie im Jahr 2006, als dieser Bereich das letzte Mal im Zentrum des Bildungsvergleichs stand. Deutschland liegt damit auf dem 12 bis 19 Platz – eine genauere Differenzierung nach Plätzen wäre statistisch nicht belastbar.

Andreas Schleicher ist der Chef der Pisa-Studie. Der OECD-Bildungsdirektor hat in der Vergangenheit das deutsche Bildungssystem oft hart kritisiert. Jetzt spricht er von einer „Stabilisierung auf gutem, überdurchschnittlichem Niveau“. Zugleich weist seine Organisation aber darauf hin, dass nicht nur der Pisa-Spitzenreiter Singapur, sondern auch das von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelte Portugal – anders als Deutschland – die Ergebnisse in den Naturwissenschaften verbessern konnte. Auch in Mathe und in der Lesekompetenz liegen die Werte über dem OECD-Durchschnitt. Während die Werte in Mathe seit einigen Jahren recht stabil sind, konnten die deutschen Schüler im Bereich des Leseverständnisses kontinuierlich Fortschritte erzielen.

Weiter wenig Chancengleichheit

Unterm Strich bedeutet das: Deutschland hat ein ordentliches bis gutes Pisa-Ergebnis vorzuweisen, das jedoch mit mehreren Abers einhergeht. Der erste große Haken ist,  dass in Deutschland der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Bildungsleistungen noch immer größer als im Durchschnitt der anderen OECD-Länder ist – obwohl hier zumindest einige Verbesserungen messbar sind. Zugleich schneiden Schüler mit Migrationshintergrund im Durchschnitt immer noch deutlich schlechter ab als ihre Altersgenossen – auch wenn diejenigen, die in der zweiten Generation in Deutschland sind, mittlerweile ein Stück weit aufschließen konnten.

Im Bereich Naturwissenschaften, der in diesem Jahr besonders intensiv getestet wurde, bereitet Schleicher insbesondere eines Sorgen: Die deutschen Schüler seien zwar besonders gut darin, Wissen zu reproduzieren – aber eben längst nicht Spitze, wenn es darum geht, das Wissen eigenständig und kreativ anzuwenden. Kritiker werfen den Machern der Pisa-Studie regelmäßig vor, diese Form von Denken nicht erfassen zu können. Schleicher hingegen betont, der Pisa-Test sei über die vergangenen Jahre kontinuierlich weiterentwickelt worden. „Darin, diese Form der Kreativität zu prüfen, sind wir mittlerweile sehr gut“, sagt er. Gleichzeitig gehe es darum, auch die Tests weiter zu verbessern.

Keine Begeisterung

Die 15-Jährigen wurden nicht nur getestet, sondern auch befragt – insbesondere zum Schwerpunkt Naturwissenschaften. Eine Erkenntnis aus dieser Befragung: „Die deutschen Schüler sind zwar gut in Naturwissenschaften, aber sie begeistern sich nicht dafür“, sagt Schleicher. Das gehe damit einher, dass auch wirklich gute Schüler sich nicht vorstellen könnten, später mal eine Karriere als Naturwissenschaftler einzuschlagen, fügt Schleicher hinzu. Bei Mädchen ist dies noch stärker der Fall als bei Jungen. Und wenn Mädchen sich einen naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf vorstellen können, ist dieser eher im Gesundheitsbereich angesiedelt als im Ingenieurswesen.

In den Naturwissenschaften erzielt Deutschland mit vergleichsweise wenig Lernzeit in der Schule und zu Hause gute Ergebnisse. „Bei der Produktivität des Lernens steht Deutschland hier sehr, sehr gut da – fast so gut wie Finnland“, sagt Schleicher dazu. Anders als in Finnland, wo die Förderung eines jeden Einzelnen stark im Mittelpunkt steht, fühlen sich die deutschen Schüler von ihren Lehrern in diesen Fächern aber kaum unterstützt. Ein Hinweis darauf, dass gerade in Sachen Schüler-Lehrer-Verhältnis und individueller Unterstützung noch große Anstrengungen nötig sind, wenn Deutschland in Zukunft eine Chance haben möchte, in die Pisa-Spitzengruppe aufzuschließen. Der Gipfel ist noch weit entfernt.