Berlin - Die SPD-Landesvorsitzenden Franziska Giffey hat nach dem Rücktritt als Bundesfamilienministerin sehr schnell ein neues Kapitel ihres Lebens aufgeschlagen. Da sie nach der Wahl im September Regierende Bürgermeisterin werden will, lässt sie die Öffentlichkeit bereitwillig daran teilhaben. Jeden Tag postete sie in dieser Woche Einzelheiten aus dem neuen Lebensabschnitt – gepaart mit der bei ihr üblichen Aufbruchsstimmung. „Ein neuer Tag, eine neue Woche. Ein neuer Abschnitt“, las man nach Pfingsten auf Instagram. „Ab heute geht es in den Wahlkampf.“ Der Doktortitel ist abgehakt.

Dabei hat die Freie Universität (FU) noch nicht mal offiziell entschieden. Erst Anfang Juni endet die Anhörungsfrist für Giffey, bis dahin kann sie selbst zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Der Bericht der zweiten Kommission, die ihre Doktorarbeit überprüfte, ist bereits fertig. Dann steht nur noch die Entscheidung des FU-Präsidiums aus. Wie dort die Stimmung ist, erfährt man allerdings nicht. FU-Präsident Günter M. Ziegler hat bisher – von einigen Ausführungen im Akademischen Senat abgesehen – so gut wie nichts zu dem Verfahren gegen die prominente Doktorandin gesagt. Dabei gibt es jede Menge Fragen an die FU.

Die Universität ist – mit kurzen Unterbrechungen – seit zwei Jahren und drei Monaten damit beschäftigt herauszufinden, ob Giffey bei ihrer Arbeit getäuscht hat. Dabei ist das längst unstrittig – jedenfalls, wenn man Gerhard Dannemann fragt. Der 61-jährige Rechtswissenschaftler ist Professor für Englisches Recht sowie britische Wirtschaft und Politik an der Humboldt-Universität.

Er ist aber auch aktiv bei VroniPlag Wiki, einer Plattform, die wissenschaftliche Arbeiten auf Plagiate überprüft. Die Dissertation von Franziska Giffey kennt er gut. Gut genug, um zu sagen: „Die Arbeit hätte so nicht angenommen werden dürfen.“ Sie verstoße gegen drei elementare Regeln zum Umgang mit wissenschaftlichen Quellen: „Man muss sie dort nennen, wo man sie verwendet, man muss Zitate kennzeichnen und man muss Belege selbst überprüfen.“ All das habe Giffey missachtet.

VroniPlag Wiki hat 119 Stellen in der Doktorarbeit als Plagiate beanstandet. Die Arbeit über „Europas Weg zum Bürger – Die Politik der Europäischen Kommission zur Beteiligung der Zivilgesellschaft“ hat 214 Seiten, ohne Anhang und Literaturverzeichnis. Sie wurde am Otto-Suhr-Institut, dem Fachbereich Politikwissenschaft der FU, vorgelegt. Betreut wurde sie von der Politikwissenschaftlerin Tanja Börzel, die ihrer damals noch nicht prominenten Doktorandin das Prädikat magna cum laude (zu Deutsch: mit großem Lob) verlieh. Das ist die zweithöchste Auszeichnung für eine Dissertation.

Ob sie die Arbeit wirklich für sehr gut befand oder zu überlastet war, um sie ausgiebig genug zu prüfen und zu bewerten, ist nicht bekannt. Die Professorin spricht mit den Medien nicht über das Thema. Von der FU spricht überhaupt niemand mit der Presse über die Angelegenheit. Bestenfalls wird man an die Pressestelle verwiesen, die dann ihrerseits keine Auskunft erteilt.

Dissertation von Franziska Giffey: Die Doktormutter Tanja Börzel spielte bei der ersten Überprüfung eine wichtige Rolle

Dennoch wurde bekannt, dass Tanja Börzel die Arbeit nicht nur betreute und bewertete, sondern auch bei der ersten Überprüfung der Dissertation eine wichtige Rolle spielte. Journalisten der Zeit fanden heraus, dass sie mit beteiligt war, das Gremium einzusetzen, das beim ersten Mal über die Aberkennung des Doktortitels entscheiden sollte. Und sie sorgte offenbar auch dafür, dass es mit Personen besetzt wurde, die ihr gewogen waren. Die erste Prüfung endete mit einer Rüge für Franziska Giffey. Den Doktortitel durfte sie behalten. Der Prüfbericht blieb erst mal unter Verschluss. Bis der Allgemeine Studierenden-Ausschuss (AStA) der FU Berlin das Gutachten im Mai 2020 auf seiner Webseite veröffentlichte. Der AStA hatte es aufgrund des Informationsfreiheitsgesetzes eingeklagt.

Dannemann hofft, dass die FU das mit den zweiten Gutachten freiwillig macht. Bisher hat die Universität nur zugesagt, die Mitglieder der Kommission öffentlich zu machen, wenn sie ihre Arbeit beendet hat. Er findet es verständlich, dass sich die FU während der Untersuchung bedeckt hält. „Aber wenn sie beendet ist, dann spricht eigentlich nichts dagegen, alles auf den Tisch zu legen und sich nicht vom AStA dazu zwingen zu lassen, die Sachen herauszugeben“, sagt er der Berliner Zeitung. Er habe sich bei der Lektüre des ersten Gutachten an vielen Stellen gewundert.

VroniPlag Wiki: Verwunderung über das erste Gutachten der Freien Universität

„Die FU hat in ihrem ersten Gutachten nur 27 der von uns genannten 119 Stellen als Plagiate anerkannt“, sagt Dannemann. „Das hat mich verblüfft.“ So gebe es eine Stelle, an der 32 Wörter am Stück wörtlich übernommen, aber nicht in Anführungszeichen gesetzt wurden. Bei einer anderen langen, nicht als Zitat ausgegebenen wörtlichen Übernahme wurde eine falsche Quelle angegeben. „Und da schreibt die Kommission dann, die Quelle ist im Text genannt, Vorwurf nicht nachvollziehbar. Warum ist es okay, die falsche Quelle anzugeben und nicht die wörtlich übereinstimmende?“

Dass Giffey beteuert, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, glaubt ihr Dannemann sogar. Wer plagiiere, neige dazu, das zu vergessen, ist seine Erfahrung. „Meine Studierenden, also diejenigen, die plagiieren, die glauben es oft selber nicht, bis man ihnen mit dem gelben Marker genau anstreicht, was sie woher haben“, sagt der Rechtswissenschaftler. Die Rechtsprechung sei in dieser Hinsicht allerdings eindeutig. „Wenn das soundso oft vorkommt, also ein Muster ist, das sich in der Arbeit niederschlägt, dann liegt nach der Rechtsprechung eine Täuschungsabsicht vor. Und die Arbeit von Frau Giffey hat alle Hürden gerissen, was das anbetrifft“, sagte er. „Da gibt es einfach zu viele fehlerhafte Stellen.“

Die FU entscheidet demnächst zum zweiten Mal über die Doktorarbeit von Franziska Giffey

In den nächsten Tagen oder auch Wochen wird sich zeigen, ob die FU nun auch zum gleichen Schluss kommt. Dannemann sagt, dass die Freie Universität nicht zu den Universitäten gehört, die wissenschaftliches Fehlverhalten unter den Teppich kehrt. „Aber diese politischen Fälle lösen halt immer einen ziemlichen Druck auf die Hochschulen aus.“  Es sei nun mal eine Sache, ob man darüber entscheidet, ob jemand einen Doktortitel führen darf und eine andere Sache, ob man darüber entscheidet, ob jemand als Ministerin zurücktreten muss. Ihm ist egal, ob die Täter unbekannt oder prominent sind. Er will, dass die Fälle aufgedeckt werden und das geht am besten, so seine Erfahrungen, wenn man sie öffentlich macht. „Plagiate sind eine Geißel der Wissenschaft“, sagt Dannemann. „Sie korrumpieren. Man kann sich nicht auf wissenschaftliche Ergebnisse verlassen, bei denen gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen wurde.“