Nichts ruiniert die Autorität von Gesetzen nachhaltiger als der fehlende Wille des Staates, sie durchzusetzen. Ein Ge- oder Verbot, das vom Bundestag verabschiedet, aber von keiner Behörde jemals angewendet wird, verdient nicht nur keinen Respekt – im Einzelfall verdient es nicht einmal ein langes Leben. Es lässt sich kaum bestreiten, dass ein auf Durchsetzung angelegtes Ge- oder Verbot, dessen Verletzung der Normgeber – der Staat, eine Universität oder eine andere Institution – im Alltag jedoch demonstrativ ignoriert, von den Adressaten nicht als verbindliche Weisung verstanden werden wird und so auch nicht verstanden werden muss. Wenn zum Beispiel an den medizinischen Fakultäten allgemein bekannt ist, dass einschlägige Doktorarbeiten wissenschaftlichen Standards in der Regel ohnehin kaum entsprechen, sie von den Doktorvätern kaum gelesen werden, weshalb Plagiate nur selten auffallen und noch seltener sanktioniert werden, dann liegt die Frage auf der Hand: Wäre die Aberkennung des Doktortitels zu vertreten, wenn Ursula von der Leyen als Plagiatorin überführt werden sollte?

Kein vernünftiger Mensch wird verlangen, dass die Verletzung eines Verbots unter allen Umständen in jedem Fall aufgedeckt und verfolgt werde. Wollte der Staat jede Verletzung eines Straftatbestands aufklären und bestrafen, würde er – wie der Freiburger Soziologe Heinrich Popitz im Jahr 1968 bemerkte – dafür sofort mit dem Zusammenbruch sowohl des Normen- als auch des Sanktionensystems bezahlen. Denn würden alle Verbrechen aufgedeckt, dann käme auch das gigantische Dunkelfeld ans Licht, und damit würde die Autorität der Norm sofort verdunsten: Wenn jeder weiß, dass kaum jemand die Norm respektiert, wird es ihm leichter fallen, sie ebenfalls nicht zu beachten. Würden darüber hinaus alle Normbrüche bestraft, würde auch das Sanktionensystem wegen Überlastung zusammenstürzen: Denn so viele Gefängnisse, dass fast alle Bürger Platz darin fänden, so viele Gerichtssäle und Vernehmungsräume halten nicht einmal Diktaturen bereit. Und auch die Zahl der Prüfungskommissionen an den Universitäten müsste drastisch erhöht werden, um der Zahl der Aberkennungsverfahren nachzukommen.

Ein Dunkelfeld für die Stabilität der Normen

Die Pointe liegt darin, dass das Dunkelfeld – das doch unentwegt ausgeleuchtet werden soll – benötigt wird, um die Stabilität der Normen zu garantieren. Andererseits ist das immer wieder erneuerte Versprechen, das Dunkelfeld auszuleuchten, erforderlich, um die Angst der Adressaten vor Entdeckung zu mobilisieren. Das verlangt von Fall zu Fall die Überführung und Bestrafung eines Täters.

Das führt zur Frage, wie oft an medizinischen Fakultäten plagiierte Doktorarbeiten entdeckt und die Täter mit der Aberkennung ihres Doktortitels bestraft worden sind. Wenn sich herausstellen sollte, dass Medizinstudenten in Deutschland im Vertrauen darauf plagiieren können, dass der Doktorvater sie ohnehin nicht lesen, und wenn lesen, dann ein Plagiat nicht bemerken, und wenn bemerken, dann nicht melden wird, wenn sich also ergeben sollte, dass sich der wissenschaftliche Anspruch bereits derart verflüchtigt hat, dass Plagiate im stillen Einvernehmen von Professoren und Studierenden entstehen und alle Ge- und Verbote der Promotionsordnungen de facto außer Kraft gesetzt sind, hat jede Sanktion nicht nur jeden Sinn, sondern auch ihr Recht verloren.

Stellte sich jedoch heraus, dass die Überführung und Sanktionierung von Plagiatoren auch an medizinischen Fakultäten zum Selbstverständnis der Einrichtung gehört und damit zum Alltag des Betriebs, ließe sich die Aberkennung des Doktortitels im Fall Ursula von der Leyens ohne weiteres begründen. Das wäre eine schlechte Nachricht für von der Leyen, aber eine gute für die medizinische Wissenschaft.