Die kleine Insel Baresdhoo im Laamu-Atoll hat es zu extraterrestrischem Ruhm gebracht. Ihre Strände, die von türkisfarbenem Wasser umspült werden, dienten vor drei Jahren als Tropenplanet-Kulisse für den Film „Rogue One: A Star Wars Story“.

Wer sich heute die Mühe macht, mit einem Boot auf das unbewohnte Malediven-Eiland überzusetzen, könnte ebenfalls glauben aus dieser Welt gefallen zu sein. Über den weißen Sand verteilt sich Plastikmüll, so weit das Auge blickt: Einweg-Wasserflaschen, die das Meer angespült hat und allerhand anderer Unrat, der zwischen den Palmen zurückgelassen wurde.

Die Malediven – 26 Atolle im Indischen Ozean, bekannt für ihre Strände, ihre Lagunen, ihre Riffe – haben ein Müllproblem. Wovon man als Urlauber allerdings wenig mitbekommt. In den großen Resorts werden die Strände mehrmals am Tag vom Müll befreit; zumeist dann, wenn keine Touristen in der Nähe sind – etwa in der sengenden Mittagshitze oder vor Sonnenaufgang. Und obwohl viele Resorts verstärkt auf nachhaltige Konzepte und auf Müllvermeidung setzen, bleibt die nicht funktionierende Abfallwirtschaft eines der größten Probleme des Landes.

Stickige Luft, mondähnliche Oberfläche

Nahezu der gesamte Abfall landet auf der berüchtigten Müllinsel Thilafushi. Seit mehr als 25 Jahren wird Müll in der ehemaligen Lagune verklappt. An den Rändern schimmert das Wasser in grellem Türkis. Doch die heiße Luft ist stickig. Rauchschwaden ziehen über die mondähnliche Oberfläche. Überall schwelen kleine Feuer, die sich selbst entzündet haben. Es riecht nach verbranntem Plastik. Es ist ein unwirklicher Ort.

Thilafushi ist die menschengemachte Kehrseite des Paradieses. Auf den zehn Hektar, was ziemlich genau 14 Fußballfeldern entspricht, türmen sich Müllberge von knapp zwanzig Meter Höhe, über die Arbeiter in Flipflops und ohne Atemschutzmasken klettern. Die höchste natürliche Erhebung des Inselstaates beträgt nicht einmal zweieinhalb Meter.

Täglich kommen 600 Tonnen Müll hinzu

Im Drei-Schichten-System versuchen 230 Mitarbeiter rund um die Uhr, die Müllmassen zu bezwingen. Und jeden Tag landen zusätzlich bis zu 600 Tonnen aus der Hauptstadt, von den Atollen und aus den Urlaubsresorts per Boot an. Umgerechnet fällt auf den Malediven pro Kopf schon jetzt mehr Müll an als hierzulande. Und das Abfallaufkommen nimmt seit Jahren deutlich zu. Problematisch ist zudem, dass der Abfall nicht getrennt wird. Die Plastikflasche landet ebenso auf der Kippe wie Altpapier und Industrieabfälle. Das macht Thilafushi zu einer toxische Zeitbombe mitten im Indischen Ozean.

Mittlerweile wird immerhin versucht, Plastikflaschen und Kartons zu trennen. Und sehr bald schon sollen fünf neue Verbrennungsöfen dafür sorgen, die Müllberge schrittweise abzutragen. Da diese Öfen ohne Filter arbeiten, zeichnet sich das nächste Problem bereits ab. Dennoch gibt man sich in Thilafushi zuversichtlich. Denn zumindest die Zeiten der kompletten Planlosigkeit, in denen man den Müll wahllos irgendwo ablud und die gesamte Müllhalde irgendwann einfach angesteckt hat, sind vorbei. Dass alles schon mal schlimmer war, ist auf Dauer zwar ein schwacher Trost – es ist aber auch Zeichen dafür, dass ein Umdenken begonnen hat.

Einen ersten Erfolg kann Mohamed Shaan vermelden. Seit knapp einem Jahr nun ist er Koordinator der Müllabfuhr, der neu aufgestellten Waste Management Corporation. Er hat in der Malediven-Hauptstadt Malé in kürzester Zeit ein halbwegs funktionierendes Abfallsystem geschaffen. Das ist beachtlich, Malé hat mehr als 150.000 Einwohner auf gerade einmal sechs Quadratkilometern, was in etwa der Fläche von Oberschöneweide entspricht. Und Malé ist ein enges Straßenlabyrinth.

Klimawandel wird 1100 Malediven-Inseln betreffen

Etwa 30 Müllwagen fahren nun regelmäßig durch die Stadt, der Müll wird nicht mehr wahllos in der Stadt oder im Meer entsorgt. 150 Rufiyaa, etwa acht Euro, muss jeder Haushalt monatlich dafür entrichten. Das stieß anfangs auf Widerstand und erforderte eine großangelegte Informationskampagne. „Wir müssen noch immer viele Menschen von der Notwendigkeit einer funktionierenden Abfallwirtschaft überzeugen“, sagt Mohamed Shaan. Und denkt jetzt schon über die Einführung eines halbwegs nachhaltigen Recyclingsystems nach.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Noch nicht alles funktioniert reibungslos. Im April wurden in einer Aktion mehr als 4000 Freiwillige benötigt, um die Straßen Malés von Müll zu befreien. Sie sammelten am Ende 70 Tonnen davon ein – an nur einem einzigen Tag. Unter den Sammlern war auch der Umweltminister der Malediven, Thoriq Ibrahim. Der 49-Jährige ist auf internationalen Konferenz-Bühnen Dauergast, wenn es um den Klimawandel und das Schicksal seines Landes geht. Von dem, da sind sich viele Wissenschaftler einig, werden die knapp 1.100 Inseln der Malediven besonders stark betroffen sein.

Aber auch der wachsende Müllberg wird auf der politischen Ebene als Herausforderung wahrgenommen. „Wir wissen um die Dringlichkeit einer landesweiten Abfallwirtschaft. Dafür werden schnellstmöglich Abfallzentren auf den Atollen errichtet. Daneben wollen wir die Bevölkerung schulen“, sagt Ibrahim. Außerdem soll vor allem dem Einwegplastik der Kampf angesagt werden. Schon jetzt gibt es hohe Einfuhrzölle auf Plastiktüten, wenn sie nicht aus biologisch abbaubaren Kunststoffen bestehen. In den Schulen des Landes ist die Benutzung von Plastikflaschen verboten. „Und soeben haben wir einen Gesetzentwurf zum generellen Verbot von Einwegplastik in Schulen vorbereitet“, sagt Thoriq Ibrahim.

Umweltschutz und Tourismus - eine verzwickte Angelegenheit

Zudem soll der nachhaltige Tourismus ausgebaut werden. Sechs bis sieben Millionen Touristen pro Jahr– so lautet das Ziel. Aktuell sind es 1,3 Millionen. Ist es realistisch, dieses Ziel nachhaltig zu erreichen, wie es Ibrahim vorschwebt? Im Schnitt produziert jeder Urlauber im tropischen Paradies 3,5 Kilo Müll pro Tag – doppelt so viel wie ein Bewohner der Stadt Malé. Eine große Steigerung der Touristenzahlen würde also zwangsläufig zum Zusammenbruch der ohnehin fragilen Abfallwirtschaft führen.

Auf der anderen Seite ermöglicht der Tourismus, der dem Land und den Leuten Geld bringt, überhaupt erst den Schutz von ganzen Riffen und Inseln. Und es waren die Touristen und die Tourismus-Manager, die die Ideen des Umweltschutzes auf die Malediven gebracht haben. Es ist wohl so, dass nur derjenige eine wirklich nachhaltige Lösung finden kann, der die verschiedenen Dilemmas im Zusammenhang betrachtet und sinnvoll auflöst.

Ein Nationaltorwart als Umweltschützer

Einer, der es versucht hat, ist Mauroof Ahmed. Vier Jahre lang hat er im Laamu-Atoll, in dem sich auch die Star-Wars-Insel Baresdhoo befindet, diverse UN-Projekte koordiniert, vom nachhaltigen Wassermanagement bis hin zur Abfallwirtschaft. Sein Ansatz war dabei recht banal: Reden hilft. Viel reden muss der 54-Jährige generell. Früher war er Nationaltorwart der Malediven. In einem Inselstaat mit knapp 440 000 Einwohnern wird man durch einen solchen Job mehr als nur bekannt.

Mauroof Ahmed schafft es in der Regel keine 100 Meter eine Straße entlang, bis er in ein Gespräch verwickelt wird. „Am Anfang dachten die Leute tatsächlich, dass ich wegen eines Fußballprojekts hier bin“, sagt er. Dann hätten sie begriffen, dass er nicht unterwegs war, um sich über den Zustand der Nationalmannschaft zu unterhalten, sondern darüber, wie die Bewohner des Atolls dafür sorgen könnten, die Umwelt zu schützen – ihre Umwelt. „Wir haben alle Leute an einen Tisch gebracht und mit ihnen gesprochen, viel gesprochen“, sagt Mauroof Ahmed. Vielerorts fehle noch das Bewusstsein für die Natur und den eigenen Einfluss darauf. Das kleine Land hat eine rasante Entwicklung hingelegt, der neue Wohlstand hat die Gesellschaft innerhalb von nur drei Jahrzehnten dramatisch verändert. 

Die Einwohnerzahl hat sich seit dem Jahr 1990 fast verdoppelt. Und zudem sollte niemand vergessen, dass der Umweltschutz auch in Europa erst seit den Achtzigerjahren sichtbar auf der Agenda steht. „Verglichen mit anderen Ecken der Welt stecken die Leute hier noch tief in der Bedürfnispyramide fest“, sagt Mauroof Ahmed. Also hat er versucht, mit diesen Menschen zu diskutieren. Mit den Inselräten der verschiedenen Atolle, mit Schülern und mit Politikern. „Am Ende haben die meisten verstanden, dass sie selbst ihre direkte Umgebung Stück für Stück besser machen können – und müssen“, sagt er.

Investoren im Anmarsch

Im Laamu-Atoll gibt es auf einigen Inseln erste lokale Abfallzentren. Dort soll der Müll zukünftig recycelt und dann nach Thilafushi verschifft werden. Das Konzept der Abfallzentren soll in naher Zukunft überall auf den Malediven umgesetzt werden. „Ob es gelingt, so eine nachhaltige Lösung für das Problem zu entwickeln, weiß ich nicht“, sagt Mauroof Ahmed. „Am Ende hängt es davon ab, ob die Menschen vor Ort das nötige Bewusstsein schaffen. Auf den Atollen gibt es noch viele grundlegende soziale Probleme. Für die Insulaner hat der Umweltschutz deshalb nicht immer die höchste Priorität.“ Auch im Laamu-Atoll hoffen die Inselbewohner auf Wohlstand durch den Tourismus. Der wird ein Problem lösen und ein anderes schaffen: Mit der steigenden Zahl internationaler Gäste wird das Bewusstsein für eine saubere Umgebung zunehmen – aber auch die Müllmenge.

Die kleine Insel Baresdhoo ist gerade für Investoren geöffnet worden und soll bis zum Jahr 2019 touristisch erschlossen sein – mit einem kleinen Hafen, Theater, Strandhotel und Gästehäusern auf einer Gesamtfläche von knapp 1 000 Quadratmetern. Dass bis dahin eine Lösung für das Müllproblem gefunden ist, ist nahezu ausgeschlossen. Und weil Thilafushi nicht unbegrenzte Kapazitäten hat, wird mit Vandhoo gerade eine neue Müllinsel erschlossen. Im großen Star-Wars-Universum gibt es einen Planeten ähnlichen Namens: Vandor-3. Auf ihm, so die Fiktion, erstrecken sich weite Ozeane – und riesige Müllhalden.

Diese Reportage entstand im Zuge einer Pressereise der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen.