Wattestäbchen, Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen und Luftballonstäbchen. Wenn sie aus Plastik sind, dann handelt es sich um Teufelszeug, das verboten gehört. So wollen es die EU-Kommission und das Europaparlament. Die aufgelisteten Produkte zählen laut Brüssel allesamt zu den Top Ten, der an Stränden am häufigsten gefundenen Einwegkunststoffartikel. Ihr geplantes Verbot ist eine gute Sache.

Die Debatte im Europaparlament am Mittwoch wurde in den Tagen zuvor mit zahlreichen Berichten über die Vermüllung der Ozeane orchestriert. Mit Schock-Fotos, die tote Vögel zeigen, deren aufgerissene Bäuche voller Plastik sind. Es wurde von den Gefahren durch mikroskopisch kleine Partikel für Mensch, Natur und Umwelt berichtet. Das Thema hat eine hohe Einschaltquote und ein hohes Aufregungspotenzial. Gut so. Denn der Plastikmüll ist eines der größten Umweltprobleme weltweit.

Eine Katastrophe wird damit nicht verhindert

Die ökologischen Folgen sind noch nicht absehbar. Kunststoff, der einmal in die Nahrungskette geraten ist, lässt sich nur noch schwer eliminieren. Und es dauert in vielen Fällen Jahrzehnte, bis er zerfallen ist.
Können wir die Katastrophe mit dem Verbot von Plastik-Wattestäbchen und Co verhindern? Nein. Selbst wenn in der EU die Restriktionen konsequent durchsetzt, wird dadurch die Plastikbelastung der Weltmeere bestenfalls ein kleines bisschen weniger schnell zunehmen. Warum? Weil die Hauptursache für die Vermüllung der Meere nicht in Europa liegt.

Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung haben nachgewiesen, dass 90 Prozent des gefährlichen Abfalls durch acht große Flusssysteme in Asien und zwei in Afrika in die Weltmeere gelangt. Große Namen wie Mekong (Vietnam), Ganges (Indien), Nil (Ägypten) oder Jangtse (China) sind darunter. Sie befinden sich in Schwellenländern, deren Volkswirtschaften und deren Bevölkerungen schnell wachsen. Hunderte Millionen Menschen leben an diesen Flüssen. Die Abfallentsorgungssysteme sind gelinde formuliert unterentwickelt und örtliche Administrationen überfordert.

Vorbild Pfandsystem

Plastikmüll wird dort unkontrolliert und unzulänglich vergraben. Oder die Flüsse werden gleich als Entsorgungsanlagen missbraucht. Hier muss die Politik ansetzen. Es wäre eine höchst verdienstvolle Initiative der EU, wenn sie dafür sorgen würde, dass Fachleute aus Europa in Kooperation mit den Regierungen in Vietnam, China oder Indien moderne Sammel- und Recyclingsysteme entwickeln würden. Das Knowhow ist da: Deutschland hat Pionierarbeit geleistet. Mit dem Aufbau eines Pfandsystems für Getränkeverpackungen. Die Rücknahmequote liegt bei fast 100 Prozent - leere Flaschen machen den größten Anteil des an Stränden gefundenen Plastikabfalls aus.

Zudem wurden hierzulande flächendeckend Müllverbrennungsanlagen eingerichtet. Sicher, das Verfeuern ist nicht die ideale Lösung, aber immerhin gerät der Kunststoff so nicht in die Nahrungskette, und er wird überdies in elektrische Energie umgewandelt.

Hinzu kommen muss eine stärkere Unterstützung informeller Sammelsysteme, die in Schwellenländern eine große Rolle spielen. Menschen leben davon, dass sie Plastikmüll sammeln, sortenrein sortieren und als Sekundärrohstoff verkaufen, der auch dort von der Industrie gerne genommen wird. Eine Halbierung der unkontrollierten Müllentsorgung ist möglich und wäre ein großer Segen für die Öko-Systeme der Meere.

Beherztes Eingreifen sieht anders aus

Wo bleibt eine beherzte Initiative der EU? Sie wird nicht kommen. Das wäre ein mühsames Unterfangen, das für EU-Bürger nicht greifbar wird. Dann wohl doch lieber eine knallige Kampagne, mit der man Handlungsfähigkeit beweisen kann. Das zeigt, die EU-Kommission will das Aufreger-Thema Plastikmüll vor allem als Werbeaktion in eigener Sache nutzen. Und gleichzeitig der Industrie kaum wehtun.

So wird denn auch eine schnelle Einführung von Pfandsystemen für Einwegflaschen nach deutschem Vorbild auf die lange Bank geschoben. Mit einer raschen Einführung würde man den großen Getränke- und Handelskonzernen auf die Füße treten, denn diese setzen insbesondere in Schwellenländern massiv auf Einweg aus Plastik. Mit solch laxen Vorgaben macht sich die EU weltweit unglaubwürdig. (RND)