„Das ist der Zug“, sagt Christel Focken und tippt mit dem Finger auf den Monitor ihres Computers. Zu sehen ist ein goldfarben schillerndes Muster, als hätte jemand Öl in Wasser gekippt und das ganze mit einem Farbfilter fotografiert. Soll das wirklich ein Zug sein? „Das ist ein 3D-Georadar-Bild von dem Tunnel“, sagt die 56-Jährige mit einer Stimme, die keinen Zweifel akzeptiert. „Man sieht doch deutlich die Waggons mit den Panzern drauf.“

Nun ja, deutlich ist etwas anderes. Aber es ist auch müßig darüber zu streiten, was auf Christel Fockens Computer wirklich zu sehen ist. Denn möglicherweise schon in ein paar Tagen wird sich herausstellen, ob sie und ihre Freunde Recht mit ihrer These haben, dass sich im polnischen Walbrzych, dem früheren Waldenburg, ein geheimnisvoller Nazi-Zug im Berg verbirgt. Am Dienstag begonnen die Schatzsucher damit, drei jeweils sechs Meter tiefe Stollen in einen zugeschütteten Eisenbahntunnel nahe der alten Bahnstation Walbrzych-Sczcawienko zu treiben. Schon am Donnerstag, so Christel Fockens optimistische Prognose, könnten die ersten Fotos vom Nazi-Zug alle Zweifler widerlegen.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte der Warschauer Vizekulturminister Piotr Zuchowski einen regelrechten Touristenboom in die eher verschlafene Gegend um das im Südwesten Polens gelegene Walbrzych ausgelöst. Er sei sich „zu 99 Prozent“ sicher, dass in dem ehemaligen Tunnel an der Bahnstrecke Breslau-Warschau ein Nazi-Zug gefunden worden sei, sagte Zuchowski damals. Er habe auf Radarfotos einen gepanzerten Zug gesehen, der unter Erde begraben ist. „Die Tatsache, dass es ein gepanzerter Zug ist, legt nahe, dass es in seinem Inneren Objekte von Wert geben kann.“

Die Fotos, von denen Zuchowski sprach, sind dieselben Aufnahmen, die auch Christel Focken auf ihrem Computer hat. Gemacht haben sie der in Walbrzych lebende Deutsche Andreas Richter und sein polnischer Mitstreiter, der Bauunternehmer Piotr Koper. Seit Jahren suchen die beiden in der Gegend nach dem legendären „Goldzug“ der Nazis, der seit Kriegsende dort in einem unterirdischen Versteck vermutet wird. Auch Christel Focken aus Wegendorf bei Alt-Landsberg, Vorsitzende des Bundesverbandes der privaten Historiker, fahndet schon lange nach dem vermeintlichen Nazi-Schatz. Jetzt wird sie dabei sein, wenn der Zug gefunden wird – oder auch nicht. 

Wie jede Legende hat auch die vom „Goldzug“ einen realistischen Kern. 1941 hatten die Nazis Schloss Fürstenstein bei Waldenburg beschlagnahmt. Das größte Schloss in Schlesien sollte zu einem Herrensitz für Hitler ausgebaut werden. 1943 begann man damit, unter dem Schloss bis in das nahe Eulengebirge hinein ein gewaltiges unterirdisches Labyrinth aus Tunneln und Bunkern zu treiben. Tausende von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern mussten unter unmenschlichen Bedingungen dort schuften. Der Baukomplex mit der Tarnbezeichnung „Riese“ sollte auf einer Fläche von 35 Quadratkilometern ein Führerhauptquartier beherbergen und

Ein Nebengleis der Bahnstrecke Breslau-Warschau führte in der Nähe von Schloss Fürstenstein in die unterirdische Anlage hinein. Im April 1945, so erzählt man sich bis heute in der Region, habe ein gepanzerter Zug dieses Nebengleis genommen und sei in einem Tunnel verschwunden, dessen Zufahrten anschließend gesprengt wurden. Offizielle Stellen ließen nie nach diesem Zug suchen. Auch ist die gesamte „Riese“-Anlage bis heute nicht komplett erforscht worden.

Das könnte sich jetzt ändern, sollte tatsächlich ein Zug im schlesischen Untergrund gefunden werden. Die polnische Armee hat im vergangenen Jahr bereits das Gelände rund um den verschütteten Tunnel gesichert und das Gebiet erstmals auf mögliche Bomben und Sprengfallen im Boden erforscht. Gleichzeitig untersuchten Experten der Bergbauakademie in Krakow das Gelände. Sie dämpften allerdings die Erwartungen auf den vermeintlichen Goldschatz: Zwar sei die Existenz eines Tunnels nicht auszuschließen, sagten sie, Hinweise auf einen dort stehende Zug aber hätten sie nicht gefunden.

Doch die Schatzsucher lassen sich davon nicht bremsen. Vor Gericht haben sie gegen den Widerstand der Stadt Walbrzych die morgen beginnenden Grabungen durchgesetzt. 60 Bauleute werden in den nächsten Tagen im Einsatz sein, finanziert wird die Suche von den Hobbyforschern selbst und privaten Sponsoren.

Christel Focken aus Wegendorf ist natürlich dabei. Kurz vor ihrer Abreise nach Polen verrät sie noch, dass es dem Team gar nicht mal um mögliche Schätze in dem Zug geht. „So viele Menschen zweifeln an uns und tun unsere Forschungsergebnisse als Spinnerei ab“, sagt sie. „Wir wollen nun endlich einmal Recht behalten.“ Auf der Internetseite der Schatzsucher kann man die Suche live verfolgen.