In Warschau kann jeder seinen Platz finden: Hier trifft Moderne auf Tradition.
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BerlinImmer, wenn ich im Warschauer Hauptbahnhof aus dem Zug steige, fühle ich einen Adrenalinstoß. Das Treiben am Bahnhof, das Surren der Lautsprecher, das Gewirr in den Geschäften versetzt mich in einen quirligen Rausch. Wenn ich die Geschäftigkeit der Menschen sehe, muss ich zwangsläufig an New York und nicht an Berlin denken, an Manhattan und nicht an Mitte. Warschau ist eine Metropole. Ein Knotenpunkt für Osteuropa, wo Ukrainer auf Georgier, Russen auf Amerikaner, Deutsche auf Juden treffen. Diese Vielfalt passt nicht zum Polenbild, das wir im Westen hartnäckig pflegen.

Am Sonntag wird in Polen ein neuer Präsident gewählt. Zur Überraschung vieler könnte dem amtierenden Präsidenten Andrzej Duda die Wiederwahl misslingen, was allein an Rafal Trzaskowski liegt, an dem charismatischen Herausforderer, der für Wandel und Toleranz, für ein liberales Polen steht. Nicht zufällig ist Trzaskowski der Bürgermeister von Warschau, jener Stadt also, wo allabendlich der Kulturpalast in Regenbogenfarben erstrahlt. Trzaskowski steht für Vielfalt. Er ist tolerant und polyglott, smart und bescheiden – ein Politiker, wie man sich ihn auch in Deutschland wünscht.

Nach fünf Jahren PiS-Herrschaft hat der Westen das liberale Polen nahezu vergessen. Die Brücken zwischen Berlin und Warschau sind holpriger geworden, die Beziehungen schlechter. Der Westen ist nicht ganz unschuldig daran. Es gibt immer noch erstaunlich viele Deutsche, die sich für das Land nicht interessieren, es für fremdenfeindlich und rückständig halten. Selbst in meinem Freundeskreis gibt es Liberale, die noch nie in Polen waren, Warschau nicht kennen, Krakau nie besucht haben. Auch das ist ein Grund, warum sich viele Polen nicht ernst genommen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass der Westen auf sie herabblickt. Hand aufs Herz: Sie haben recht mit diesem Gefühl.

Westlich der Oder-Neiße-Grenze herrscht das Bild des hinterwäldlerischen Polen, eines Landes der Armut und des Verfalls. Ich habe immer versucht, dieses Bild zu hinterfragen. Wenn ich Freunde von Berlin nach Polen mitnehme, ergeben sich oft Überraschungsmomente. Plötzlich sehen meine Begleiter, zumindest in den Städten, keine Armut und pausbäckige Schnurrbart-Träger mehr, sondern die Realität: ein modernes Land, hippe Cafés, coole Bars, pulsierendes Leben, reiche Kultur. Auch die zwischenmenschlichen Begegnungen torpedieren das mediale Bild vom proletenhaften Slawen, das selbst bei aufgeklärten Deutschen dominiert. 

Rafal Trzaskowskis Erfolg ist auch medial eine Erinnerung daran, dass das liberale Polen nicht untergegangen ist. Niemand hätte noch vor einem Monat für möglich gehalten, dass Trzaskowski in den Umfragen gleichauf mit Andrzej Duda stehen würde, obwohl die polnischen Staatsmedien alles dafür getan haben, ihn als Monster zu zeichnen. Die PiS-Partei hat Angst um ihre Macht. Sie spürt den Wunsch nach Wandel. Das Kopf-an-Kopf-Rennen ist ein Beweis dafür. Die Regierung weiß, dass Trzaskowski bei einem Sieg das Schicksal Polens fundamental verändern könnte. Dass das Land plötzlich ein Staatsoberhaupt hätte, das der Regierung auf die Finger schaut. Trzaskowski steht für eine Demokratie, deren Kern niemand so gut beschrieben hat wie der Schriftsteller José Ortega y Gasset: „Der Liberalismus ist die äußerste Großmut. Er ist das Recht, das die Majorität der Minderheit einräumt – und darum die edelste Losung, die auf dem Planeten erklungen ist. Sie verkündet den Entschluss, mit dem Feind, mehr noch, mit dem schwachen Feind!, friedlich zusammenzuleben.“

Auch wenn sich Andrzej Duda durchsetzen sollte (was wahrscheinlich ist), darf der Dialog zwischen Polen und dem Westen nicht enden. Die liberalen Stimmen werden nicht verklingen. Sie brauchen die Aufmerksamkeit des Westens, die Solidarität der Deutschen, die Empathie der Berliner. Wie auch immer die Wahl ausgeht: Schauen wir nach Polen. Hören wir hin. Reisen wir hin. Erinnern wir uns, dass Polen nicht nur Kirche und Nationalismus ist. Polen ist auch Moderne und Skyline, LGBT und Vielfalt. Heute wird der Kulturpalast wieder in Regenbogenfarben erstrahlen. Und morgen vielleicht schon heller denn je.