Bunte Schilder mit griffigen Sprüchen gehören schon immer zu den Fridays for Future Demonstrationen.
Foto: Georg Wendt/ dpa

BerlinWenn alles glatt läuft, dann werden am 12. Juni 2020 bis zu 90.000 Menschen im Berliner Olympiastadion gleichzeitig ihre Smartphones herausholen und Petitionen an den Bundestag zeichnen – für mehr Klimaschutz, gegen soziale Ungerechtigkeit, kurz: für alles, was gut und grün ist.  

Sie werden Stars. Musikern und Wissenschaftlern zuhören und am Ende des Tages mit dem Gefühl nach Hause gehen, eine bessere Welt bestellt zu haben. „Wir sind stark auf der Straße und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter“, sagt Luisa Neubauer von Fridays for Future im Werbevideo. „Lass uns einen positiven Kipppunkt in unserer Gesellschaft schaffen“, fordert Moderatorin Charlotte Roche.

Für diesen „Kipppunkt“ werden die Gäste auch bezahlt haben: 29,95 Euro für das Tagesticket, wenn sie nicht in den Genuss einer anonym gesponserten Freikarte gekommen sind. Denn das Olympiastadion zu mieten, kostet: 1,8 Millionen haben die Organisatoren des Berliner Startups „Einhorn“ ausgerechnet. Die Firma verkauft sonst Kondome und Produkte für die Monatshygiene. Ihre politische Erfahrung stammt hauptsächlich aus einer erfolgreichen Petition, die Mehrwertsteuer auf Tampons und Binden zu senken.

Wie werden die Kosten getragen?

Die Kosten für das Stadion müssen nun binnen vier Wochen über Crowdfunding eingespielt werden. Nach vier Tagen waren bereits 360.000 Euro zusammengetragen. Sechs Solitickets für 100 Personen und drei für 1000 Gäste waren bereits darunter. Politische Teilhabe als kostenpflichtiges Event? Die Kritik kam prompt, und sie kam mit Wucht.

Moderator Jan Böhmermann trat eine fundamentale Debatte über Start-up-Unternehmer und soziale Verantwortung los. Auch historische Taktlosigkeit wurden den Machern vorgeworfen. Schließlich wurde das Berliner Olympiastadion anlässlich der Spiele 1936 für die größte Propaganda-Veranstaltung der Nationalsozialisten missbraucht.

Hitlers Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl drehte hier ihre Olympia-Filme. Für 2020 träumen die Organisatoren in ihrem Aufruf von „90.000 Weltbürger*innen, die genau das Gleiche wollen wie du“. Kritik gab es auch am Begriff „Bürger*innenversammlung“, unter dem die Veranstaltung laufen soll. Darunter versteht zumindest die Klimabewegung „Extinction Rebellion“ (XR) etwas völlig anderes.

Versammlungen sind basisdemokratisch

Sie fordert solche Versammlungen als dauerhafte basisdemokratische Begleitung des politischen Prozesses. XR-Sprecherin Annemarie Botzki kritisiert nicht nur, dass der Tag im Olympiastadion Eintritt kosten wird, sondern auch, dass ein Stadion-Event die Voraussetzungen für eine solche Versammlung nicht erfüllen kann: „Die eigentliche Absicht, Menschen aus allen sozioökonomischen Kontexten abzubilden und gerade denen politische Partizipation zu ermöglichen, die sich dies ansonsten eher weniger zutrauen, ist hier in keiner Weise gegeben.“

„Einhorn“-Gründer Waldemar Zeiler kündigte gegenüber dem RND an, man werde in einer „Strategiesitzung“ vieles auf den Prüfstand stellen: Das Label „Bürger*innenversammlung“ genauso wie den Satz über die 90 000 Menschen, die alle das Gleiche wollen. Vor allem soll herausgestellt werden, das die Hälfte der Karten Freikarten sein können – wenn genug Soli-Karten verkauft werden.