Berlin - Jeden Morgen das Corona-Schnellteststäbchen selbst so tief, wie man es aushält in Nase und Rachen schieben, die Testflüssigkeit auf einen Teststreifen tröpfeln, ein paar Minuten auf das Ergebnis warten und los gehts – so selbstverständlich wie Zähneputzen. Befürworter einer Schnellteststrategie preisen die Eigentests als ein Element in der Pandemiebekämpfung an. Doch noch gibt es viele Fragen, ist der Weg hin zu einem veränderten Morgenritual bei einem Großteil der Bevölkerung noch weit. Wie weit dieser Weg noch ist, wurde in der Debatte im Abgeordnetenhaus am Donnerstag offenbar.

Seit Monaten gibt es etliche Schnelltestpräparate auf dem Markt. Das Land Berlin hat nach Angaben von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) 8,1 Millionen solcher Tests angeschafft, 5,4 Millionen davon seien bereits verteilt und zum Teil auch verwendet worden – zum Großteil in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen, wo alte und vom Virus besonders bedrohte Menschen leben. Sie haben eine sogenannte medizinische Indikation. Das heißt, sie sollen getestet werden.

Regelmäßige Tests demnächst in Schulen und Kitas

Am Donnerstag berichtete die Grünen-Gesundheitspolitikerin Catherina Pieroth-Manelli vor dem Parlament von einer Einigung der rot-rot-grünen Koalition darauf, dass mindestens das Personal in Alten- und Pflegeheimen zu jedem Dienstbeginn getestet würde. Das gelte im Übrigen auch für Leasing-Personal, das ansonsten allzu oft bei solchen Regelungen vergessen wird. Jetzt sei es am Senat, das in seiner gültigen Corona-Verordnung festzuschreiben.

Kurz danach kündigte Senatorin Kalayci zudem an, dass demnächst auch in Schulen und Kitas ein Testregime eingeführt werde. Zweimal pro Woche sollte das Personal getestet werden. Gespräche und Prüfungen mit der Bildungsverwaltung liefen bereits.

Argwohn gegenüber privatem Wildwuchs 

Darüber hinaus gibt es öffentliche Teststellen am Charité-Campus Virchow in Wedding, in den Vivantes-Krankenhäusern Prenzlauer Berg, Wenckebach in Tempelhof und Spandau, im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge (KEH) in Lichtenberg, im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Gatow, das Testzentrum des Bezirksamts Mitte am Rathaus Wedding, ein Corona-Abstrich-Zentrum in Britz und das Drive-by des Gesundheitsamtes Reinickendorf an der Teichstraße. Je nach Einrichtung werden Menschen mit oder ohne Symptomen, aber in manchen Fällen explizit auch Personal von Schulen und Kitas getestet. Eine Liste mit Adressen gibt es unter www.berlin.de/corona/teststellen.

Dabei hat sich längst parallel ein reger privater Schnelltest-Markt entwickelt. Stadtweit bieten mehr als ein Dutzend Teststellen ihre Dienste für Menschen an, die keine medizinische Indikation haben. Sie wollen also getestet werden – zu welchem Zweck auch immer. Die Teststellen werden durchaus argwöhnisch beäugt. Kritiker stoßen sich nicht nur daran, dass das Testen zum Geschäftsmodell geworden ist, sondern auch daran, dass niemand weiß, wie die positiv Getesteten mit ihrem Ergebnis umgehen. Richtig wäre es, sich sofort in häusliche Quarantäne zu begeben und das zuständige Gesundheitsamt zu informieren. Ob dies zuverlässig  geschieht, ist völlig unklar.

Und es stellen sich noch weitere offene Fragen. So muss bisher jeder Test – ob in Altenheim, Krankenhaus, Testzentrum, Schule oder Kita – von medizinisch geschultem Personal genommen werden. Nur dann gilt das Ergebnis als gültig. Doch wie praktikabel ist das? Bislang ist noch völlig unklar, wer sich zum Beispiel in einer Schule zu einem Tester ausbilden lassen könnte. Haftungsfragen sind zu klären: Wer stellt die medizinische Schulung sicher? Wer ist verantwortlich, falls doch einmal ein Test falsch positiv ausfällt, ein positiver Befund durchrutscht und es infolge womöglich zu einer Verbreitung des Virus in der Schule kommt.

Grüne plädieren für Selbsttests 

Dennoch läuft längst eine rege Debatte über den eigenhändigen Schnelltest, in Eigenverantwortung vorgenommen, ohne jede medizinische Schulung. Das dafür zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) in Bonn solle solche Produkte endlich zulassen, fordern die Befürworter. In Österreich gebe es zum Beispiel Gurgeltests, die wirksam seien.

Zu den eifrigsten Fans des eigenhändigen Schnelltestens gehören in Berlin die Grünen. Schnelltests seien zwar keine Therapie gegen Corona, aber eine Ergänzung im Kampf gegen die Epidemie, sagen sie. Ein eigenverantwortlicher Umgang damit könnte aber helfen, die Last des Lockdowns an der einen oder anderen Stelle abzumildern. Und wenn es nur um die Stärkung des eigenen Sicherheitsgefühls gehe.

Jetzt wagt Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel einen weiteren Vorstoß. Es gebe viele aufschlussreiche Studien, die zu prüfen seien. Danach solle sich „die Politik trauen, die Schnelltests als Selbsttests zuzulassen, auch wenn der Packungszettel das nicht explizit erlaubt“, sagte sie am Donnerstag der Berliner Zeitung. Österreich und auch Sachsen-Anhalt machten das bereits so.

Vorbehalte bleiben

In Berlin gibt es aber noch viele Vorbehalte. Am deutlichsten trug sie vor dem Parlament Wolfgang Albers vor, ehemaliger Arzt, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses und als Linke-Politiker Mitkoalitionär von Silke Gebel. „Welche Verbindlichkeit hat ein Selbsttest?“, fragte Albers. „Wer trägt die Konsequenzen für einen Fehler?“ In seinen Augen sei ein Selbsttest „okay für den Besuch der alten Angehörigen“. Aber man dürfe niemandem Zutritt zu einem Pflegeheim gewähren, der behaupte, er habe sich zuvor daheim (negativ) getestet. Als Mediziner verteidige er stets das 4-Augen-Prinzip. Für ihn sei deshalb klar: „Solche Tests gehören nicht in die heimische Küche.“

Und Gesundheitssenatorin Kalayci sagte, dass der Senat erst in die Beschaffung solcher Selbsttests gehe, wenn das Bfarm grünes Licht gebe.