Nicht nur aber eben auch in Zeiten des Virus wird das Internet mit Fake News geflutet. 
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Fake News fluten nicht erst seit der Corona-Pandemie das Internet. Doch die Zugriffszahlen zeigen, dass das Internet gerade auch der Lieblingsort der Deutschen geworden ist. Das birgt Chancen, aber auch Risiken, wie der Social Media-Experte Johannes Hillje sagt, der sich intensiv mit digitalen Wahlkämpen auseinandersetz und dabei auch Parteien berät.

Herr Hillje, die Menschen sind in ihren Wohnungen gefangen und starren gebannt ins Internet. Damit steigt auch die Anfälligkeit für Fake News?

Wir erleben gerade die Stunde der digitalen Kommunikation, weil es ein hohes und permanentes Informationsbedürfnis gibt. Gleichzeitig sollen die Leute physische Distanz einhalten, sie müssen also auch ihre sozialen Bedürfnisse über Technik befriedigen. Dafür sind soziale Medien gemacht. Das Bedürfnis nach gezielten und sofortigen Informationen kann durch klassische Endgeräte wie Fernsehen oder Zeitung nur schwer bedient werden. Aber gerade im Digitalen erleben wir: Wo es ein Informationsbedürfnis gibt, gibt es auch ein Desinformationsangebot. Neben der Pandemie gibt es eine Infodemie.

Die klassischen Medien lösen sich auf?

Nein, im Gegenteil: Eher gibt es eine Rückbesinnung auf etablierte Medienmarken. Denn die informieren heute auch rund um die Uhr auf digitalen Kanälen. Neben digitalen Angeboten nutzen die Menschen diese etablierten Medien aber durchaus auch auf klassischem Wege: Die Tagesschau erreicht plötzlich einen Marktanteil von 50 Prozent. Eine Orientierung hin zu glaubhaften Quellen.

Der Wunsch nach Orientierung aber auch ist die Kehrseite der Desinformation.

Das Ausmaß von Desinformationen zu Corona ist massiv. Desinformationen verbreiten sich viral und sind deswegen auch ansteckend. Menschen weisen Informationen, die ihnen von Bekannten und Freunden weitergeleitet werden, eine gewisse Glaubwürdigkeit zu. Eine Information bekommt Glaubwürdigkeit, wenn sie von einer Person kommt, der ich vertraue. Das ist eine Ursache für die Verbreitung von Desinformationen. Eine andere Ursache ist die hohe Verunsicherung.

Was sollen die Menschen tun?

Man muss die Information selbst immer auf Seriosität und Glaubwürdigkeit prüfen. Man sollte immer zwei Quellen für eine Information haben. Kritisches Denken ist der beste Schutz.

Gibt es weitere Kriterien, die Desinformationen viral werden lassen?

Sie besitzen häufig eine große Eindeutigkeit in der Aussage, sie sind oftmals emotional, zugespitzt oder skandalisiert. Hier greifen die Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie. Es verbreiten sich derzeit viele Kettenbriefe über Whatsapp, wo zum Beispiel fünf klare Maßnahmen stehen, wie man sich jetzt am besten vor Corona schützen kann – etwa tief Luft holen. Das ist sehr eingängig, aber Unfug. Gerade in einer dynamischen Lage, gibt es ein hohes Bedürfnis nach dieser Eindeutigkeit. Whatsapp ist das Epizentrum der Desinformation, weil es von enorm vielen Menschen für die Kommunikation mit vertrauten Personen genutzt wird. Das Problematische ist auch, dass man da von außen nicht reingucken kann. Das sind geschlossene Räume.

Wie lässt es sich bewerten, wenn die Gruppen geschlossen sind?

Die Reichweite einzelner Kettenbriefe lässt sich schwer bewerten. Mitunter kann man nicht einschätzen, wie weit sich eine Desinformation über Whatsapp schon verbreitet hat. Und gleichzeitig fährt zum Beispiel Facebook die Strategie, geschlossenen Gruppen einen höheren Stellenwert im Netzwerk einzuräumen als Beiträge von öffentlichen Seiten. Damit animiert Facebook die Menschen in geschlossenen Gruppen zu kommunizieren. Das macht die öffentliche Kontrolle nahezu unmöglich. Und Facebook prüft auch nicht aktiv, sondern erst wenn Nutzer einen Beitrag melden.

Gibt es in der aktuellen Situation neue Phänomene, die ihnen aufgefallen sind?

Die seriösen Medien sind deutlich aktiver und schneller im digitale Raum unterwegs. Früher wurde das vernachlässigt.

Niedersachsen Innenminister fordert nun, wegen Fake News die Gesetze zu verschärfen. Ist das der richtige Weg?

Im digitalen Raum haben wir eher ein Problem der Rechtsdurchsetzung, nicht der Rechtlosigkeit. Dort gelten dieselben Gesetze. Ich halte den Vorschlag von Pistorius für Aktionismus. Und zudem für gefährlich. Der Staat würde eine Art Wahrheitsmonopol bekommen. Das passt nicht zu einer pluralistischen Demokratie.