Eine von Konstantin Kuhles ersten Erinnerungen ist die an die Bundestagswahl 1998. Sein Vater habe mit leerem Blick vor dem Fernseher gesessen und gestöhnt: „Jetzt ist alles vorbei. Jetzt kommt Rot-Grün!“ Sein inzwischen verstorbener Vater sei eben immer sehr „schwarz-gelb“ gewesen, erklärt Kuhle.

Konstantin Kuhle erweitert das Spektrum der FDP

Sein Elternhaus war insgesamt ein politisches, eines, in dem viel diskutiert wurde, aber keines, in dem eine Politikkarriere vorgezeichnet gewesen wäre. Beide Eltern traten immerhin schließlich der FDP bei. „Mein Vater war sogar mal ein paar Jahre im Stadtrat. Ich hab ihn da reingequatscht“, sagt Kuhle fröhlich. Bei seiner Mutter hat er wohl mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen. Sie sei „eher links angehaucht“. „Als sie ihren Freundinnen erzählt hat, dass ihr Sohn in der FDP ist, waren die etwas irritiert. Denen bin ich wohl nicht links genug.“

Dabei ist Kuhle in seiner Partei und viel mehr noch in der öffentlichen Wahrnehmung jemand, der das Aufmerksamkeitsspektrum der FDP verbreitert. Er gehöre dem sozialliberalen Flügel an, behauptet Wikipedia. „Ich weiß auch nicht, warum das da steht“, sagt er selbst. „Richtige Flügel gibt es in der FDP ja eigentlich gar nicht. Wir sind eine Partei von Individualisten.“

Konstantin Kuhle kann sich mehr erlauben als Parteichef Christian Lindner - und das tut er auch

Er muss sich, wie jeder Individualist, der in der FDP Karriere macht, an Christian Lindner messen lassen. Und um Kuhles angebliche Abgrenzung vom Parteichef wird derzeit viel Wind gemacht. Lindner hatte zuletzt in der Klima-Debatte keine allzu gute Figur gemacht, auch deshalb verfängt die mediale Suche nach einem Thronfolger ganz gut. Kuhle sagt dazu, dass er die Linie der FDP vertrete, dass aber unterschiedliche Auslegungen Tradition hätten in der Partei.

Trotzdem hat er kein Problem damit, sich mit seinen Auslegungen etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen, als andere. „Jemand, der nicht in der ersten Reihe steht, kann sich das ja auch eher erlauben als der Parteichef“, sagt er.

Also erlaubt er es sich. Im Plenum, wo er sich mit der AfD anlegt. Mit Gastbeiträgen in Zeitungen. Mit Videos und Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Nach dem rechtsradikal motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke forderte Kuhle nicht nur die Aufklärung des Verbrechens. Er war auch nicht bereit, gleichzeitig über Linksterrorismus zu sprechen. „Wer angesichts des politischen Mordes an Walter Lübcke erstmal ein paar ‚Aber es gibt auch Linksextremismus‘-Phrasen vom Stapel lässt, der ist blind, kaltherzig und ein Sicherheitsrisiko“, schrieb Kuhle auf Twitter.

Konstantin Kuhle wurde mit 13 Mitglied der Jungen Liberalen

Als innenpolitischer Sprecher der FDP ist er in einem Dilemma. Denn sein Fachgebiet ist auch die Lieblingsspielwiese der AfD. Die Aufmerksamkeit, die durch die rechtspopulistische Partei generiert werde, sei für Politiker ein „süßes Gift“, sagt Kuhle. Er weiß auch, dass jede öffentliche Aufregung über die AfD ihr im Zweifelsfall mehr nützt als schadet. Aber Kuhle betrachtet es als seine Pflicht, Stellung zu beziehen, wenn die Fraktion ganz rechts mal wieder zu pöbeln anfängt. „Man hat ja als Politiker die Verantwortung, auch in die eigene Anhängerschaft hinein zu kommunizieren: Achtung! Das, was da passiert, ist nicht normal. In Deutschland nicht, aber auch allgemein nicht“, sagt Kuhle. Und: „Wir haben ein Problem mit Rechtspopulismus in Deutschland.“ So deutlich sagen das nur wenige Politiker, egal, in welcher Parteireihe sie stehen.

Konstantin Kuhle wurde 1989 geboren und wuchs mit seinen Eltern und dem jüngeren Bruder im niedersächsischen Dassel auf. Politisch aktiv ist er, seit er 13 ist. Dass er bei den Jungen Liberalen landete, lag auch am Internet. Für die Bundestagswahl 2002 forderte die FDP die Nutzer auf, ihr Wahlprogramm online zu diskutieren. Das hat ihn beeindruckt. Genauso wie die Tatsache, dass er sich von den JuLis in seinem Kreisverband wirklich ernst genommen fühlte. Seine Herzensthemen sind Bürgerrechte und persönliche Freiheit. Deswegen, sagt Kuhle, habe er Jura studiert, deswegen sei er in die Politik gegangen. Damit bewegt er sich in bester FDP-Tradition von Gerhart Baum und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – beide sind seine Vorbilder.

Auch Wähler anderer Parteien können sich für Kuhle begeistern

Das andere große Thema ist Europa. Auch zum Brexit hat er ein Video gemacht. Es ist der Versuch, ein jüngeres Publikum zu erreichen, auch wenn Kuhle weiß, dass die Reichweite begrenzt ist. Einige Clips werden 10.000 Mal angeklickt, andere nur 300 Mal. Und es passiert nicht oft, dass einer mal das verlässt, was Kuhle seine Blase nennt: Freunde, Bekannte, Parteikollegen. Professionell gemacht sind die Filme allemal, und Kuhle schafft es, darin gleichzeitig locker und seriös zu wirken. Die Kamera mag ihn. Darin wiederum ist er dem Parteichef nicht unähnlich.

Kuhle hat kein Problem damit, Ideen oder Äußerungen anderer Parteien zuzustimmen, wenn er sie für sinnvoll hält. Abgrenzung nur um der Abgrenzung willen ist nichts für ihn. „Ich nehme gerade bei Jugendlichen eine tiefe Sehnsucht danach wahr, dass sich Politiker differenziert äußern.“ Das gelingt auch ihm nicht immer. Aber unter seinen Tweets oder Videos erscheinen schon mal Kommentare wie: „Ich konnte mit der FDP nie viel anfangen, aber Konstantin Kuhle finde ich super.“ Illusionen macht er sich deswegen nicht. „Ich glaube nicht, dass Menschen, die nie FDP gewählt haben, meinetwegen auf einmal damit anfangen.“ Was nicht heißt, dass er mit dem Versuch aufhören wird, sie zu überzeugen.