Was besonders rührt: Die Regierung ist von ihrem Edelmut selbst dermaßen überwältigt, dass sie ihn kaum zu begründen vermag.
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BerlinImmer kurz vor Jesus Geburtstag steigt der Bedarf an Bedürftigkeit und somit Zielen für eruptive Nächstenliebe. Gott hat wohl ein Faible für die saisonale Gefühligkeit seiner Geschöpfe. Er scheint Dürren, Erdbeben und Obdachlosigkeit ganz gern in den Advent zu legen. Diese Zeichen der Zeit erkennt sogar die Bundesregierung. Sie fügte dem vorweihnachtlichen Krippenspiel soeben eine Pressemitteilung hinzu: „Bundesregierung lässt Thomas-Cook-Kunden nicht im Regen stehen.“

Wen überflutet da nicht eine wohlig-warme Welle der Zuneigung für die gute Staatsgewalt und ihre selbstlose Solidarität mit den Opfern jener Reisebürokatastrophe, mit Not leidenden Menschen, die das Bananenboot vor Hurghada bezahlt haben, es nun aber nicht entern können? Gewiss, solch kalte Herzen mag es geben, von Neid und Missgunst zerfressen, womöglich, weil sie nach den Pleiten ihrer Baufirmen oder Stromanbieter mit keinem Cent bedacht wurden. Und dann sind da ja auch noch Klimaschützer, für die das Schicksal beziehungsweise der Konkursverwalter Flugreisewillige gar nicht hart genug schlagen kann.

Doch von solch schrundigen Seelen abgesehen: Vor wessen innerem Auge formt sich nach besagter Bundespresseamtsdepesche nicht das Bild einer Kabinettsrunde, die im Angesicht des Elends den Hut oder Peter Altmaiers letztes Hemd so lange herumgehen lässt, bis die für den vollständigen Schadenersatz nötigen 150 bis 200 Millionen Euro drinnen liegen? Alle geben etwas. Auch Frau Kramp-Karrenbauer, die eigentlich für ihren europäischen Flugzeugträger spart. Und selbst Herr Scheuer, der doch seine illegalen Mautverträge abstottern muss.

„Bundesregierung lässt sich nicht im Regen stehen“

Was besonders rührt: Die Regierung ist von ihrem Edelmut selbst dermaßen überwältigt, dass sie ihn kaum zu begründen vermag. Tagesschau.de zitiert einen Sprecher des Justizministeriums: „Die Kunden von Thomas Cook haben auf den Sicherungsschutz vertraut, der ihnen laut Paragraph 651r des Bürgerlichen Gesetzbuchs zusteht – dieser soll auch garantiert werden.“ Guter Scherz. Denn sowohl im BGB als auch auf jedem Sicherungsschein steht, dass die Versicherung nur bis zu 110 Millionen Euro pro Jahr haftet. Falls dieser Betrag im Konkursfall nicht ausreiche, sei eben der Reisende respektive Nichtreisende der Dumme.

Nein, wenn jene Bürger auf etwas vertrauten, dann auf Parlament und Regierung, die EU-Recht pflichtgemäß in deutsche Gesetze übertragen. Gemäß einer Brüsseler Richtlinie hätten Pauschalreisende – warum ausgerechnet die, sei mal dahingestellt – längst „in vollem Umfang“ vor der Insolvenz ihrer Vertragspartner geschützt sein müssen. Die verhinderten Urlauber hofften auf Politiker, die ihre Arbeit machen und nicht erst jetzt aus Furcht vor erfolgreichen Massenklagen das tun, was sie tun müssen, um die Schäden für den Staatshaushalt und die Relikte des eigenen Rufes in Grenzen zu halten.

Sei’s drum. Es bleibt eine schöne Adventsgeschichte – unter der neuen Überschrift: „Bundesregierung lässt sich nicht im Regen stehen“. Das sind doch auch nur Menschen. Menschen machen Fehler. Jetzt sind sie in Not und versuchen sich so mit dem Geld anderer Leute zu retten, dass die es möglichst nicht merken. Ja, das sieht kläglich aus. Doch ihnen soll Gnade widerfahren und vergeben werden. So ist der Geist der Weihnacht.