Es ist noch nicht verflogen. Nach Jahren des Niedergangs der einstigen Volkspartei SPD zu einer politischen Kraft, die kaum mehr als 20 Prozent der Wähler hinter sich versammeln konnte, gibt es wieder so etwas wie einen sozialdemokratischen Siegeswillen.

Wechselstimmung heißt das im politischen Jargon, die Sozialdemokraten verzeichnen steigende Umfragewerte und Parteieintritte. Der diskrete Charme der Sozialdemokratie kommt wieder an. Das hat offenbar wenig mit einer überarbeiteten Programmatik zu tun und sehr viel mit dem Vertrauensvorschuss für einen politischen Akteur, von dem man sich mehr erhofft als man sich eben noch zu erwarten getraut hatte. Dabei spielt es keine Rolle, dass Martin Schulz keine ganz taufrische Erscheinung im Willy-Brandt-Haus ist.

Bedürfnis nach gesellschaftlichem Wandel

Der jüngste Höhenflug der SPD ist einmal mehr ein Beleg dafür, dass politische Konjunkturen nur sehr bedingt etwas mit dem Tagesgeschäft zu tun haben müssen. Das depressive Grundgefühl der SPD-Anhänger rührte ja vor allem auch daher, dass vermeintliche politische Erfolge von den Wählern kaum honoriert wurden und der Button Soziale Gerechtigkeit seltsam glücklos am Revers der Partei hing.

Das Schulz-Gefühl ist also nicht allein politischer Natur. Es gibt vielmehr einem Bedürfnis nach gesellschaftlichem Wandel Ausdruck, von dem noch keineswegs ausgemacht ist, ob es offen ist für nachholende Entwicklungen oder ob es diese gerade als Drohung empfindet.