Polnische Medien über Cherson: Moskau, Kiew und Washington sind sich einig geworden

Ein polnischer Autor der linksliberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza deutet an, dass der russische Abzug aus Cherson wohl ausgehandelt wurde. Naht bald ein Waffenstillstand?

Das letzte offizielle Treffen zwischen Biden und Putin fand 2021 in Genf statt.
Das letzte offizielle Treffen zwischen Biden und Putin fand 2021 in Genf statt.iamgo/Sergei Bobylev

Der polnische Journalist und Autor Wacław Radziwinowicz schreibt am Sonntag, den 13. November 2022, auf den Onlineseiten der linksliberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass es begründete Hinweise darauf gibt, wonach der russische Abzug aus der ukrainischen Stadt Cherson das Ergebnis eines Deals zwischen Kiew, Moskau und Washington sei. Radziwinowicz schreibt in seiner Analyse: „Als der russische General Sergej Surowikin am Mittwochabend (…) den Plan zum Abzug der russischen Truppen aus Cherson ‚vorschlug‘ und der russische General Sergej Schoigu diesen Plan ‚akzeptierte‘, war die Evakuierung der russischen Truppen bereits nahezu abgeschlossen.“

Den Russen sei der Abzug hervorragend gelungen. Sie führten rund 30.000 Soldaten und 5000 Militärfahrzeuge über den breiten Fluss in der Stadt Cherson. Und dies vor den Augen der Ukrainer, die dank der Informationen der örtlichen Bevölkerung, Drohnen und US-Spionagesatelliten ein sehr gutes Bild des Schlachtfelds haben. Sie hätten die Russen leicht angreifen können. Aber die Ukrainer haben die Chance nicht genutzt. In russischen Medien heißt es nun, so Wacław Radziwinowicz, dass sich die Russen mit den Ukrainern über den Abzug einig geworden seien.

Russen sollen bereit sein, Kompromisse einzugehen

Die Russen hätten als Motivation für den Abzug einige Vorteile aushandeln können. In den Tagen vor dem Abzug sei es russischen Diplomaten etwa gelungen, einige EU-Sanktionen auszuhebeln. Den Russen sei es gelungen, der EU eine Erlaubnis abzuringen, konfiszierten Kunstdünger über EU-Häfen zu exportieren. Angeblich habe es auch fruchtbare Gespräche mit UN-Diplomaten gegeben, um die Ausfuhr von russischem Getreide voranzutreiben. 

Dann heißt es weiter: „Dem oppositionellen und putinkritischen Kolumnisten Stanislav Belkovsky zufolge ist Moskau bereit, auf Kompromisse einzugehen. Seiner Meinung nach könnten die Russen nun beispielsweise bald zustimmen, das Kernkraftwerk Saporischschja an die Ukraine zu übergeben. Denn der Kreml ist an einem vorübergehenden Waffenstillstand an der ukrainischen Front interessiert. Maria Zakharova, Sprecherin des russischen Außenministeriums, sprach beispielsweise erst am Mittwoch von der Bereitschaft Moskaus zu einem Dialog mit Kiew zu diesem Thema.“ 

Naht ein Waffenstillstand?

Außerdem heißt es in dem Bericht, dass die Midterm-Wahlen in den USA zu einem Umlenken der russischen Führung geführt haben könnten. Wacław Radziwinowicz schreibt: „Russland könnte noch mehr an einem Waffenstillstand interessiert sein, nachdem die US-Wahlen nicht, wie vom Kreml erhofft, eine Niederlage für die Demokraten und Joe Biden bedeutet haben. Inzwischen ist klar, dass sich die Haltung des Weißen Hauses zur Ukraine mindestens zwei Jahre lang nicht groß verändern wird.“ Auch sei eine Distanzierung Chinas gegenüber Russland zu spüren, die Putin in eine schlechte Lage gebracht hätte. Der Rückzug der russischen Truppen sei eine große symbolische Niederlage für Putin.

Kann der Umstand eines russischen Truppenrückzugs als Zeichen gewertet werden, dass ein Waffenstillstand sich langsam annähert? Diese Frage beantwortet der polnische Publizist in seinem Text nicht eindeutig. Er sagt lediglich, dass in den russischen Medien der Truppenabzug kein großes Thema sei.

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