Berlin - Seit vergangenen Herbst ist Albrecht Spindler Bürgermeister von Jahnsdorf im Erzgebirge. 38 Jahre alt, parteilos, mit 63,4 Prozent gewählt.  CDU, Linke, SPD und Freie Wähler unterstützten ihn, auf Platz zwei landete damals ein NPD-Mann mit 25 Prozent.

Spindler hat lange und interessiert zugehört, dem Psychologen und Politikberater Heiko Sill aus Potsdam, dem Politikwissenschaftler Frank Decker aus Bonn, die sich kürzlich mit Dutzenden Bürgermeistern, Kirchenleuten, Politikern und Lehrern in Dresden getroffen haben, Thema: „Voll gestört?! Politische Bildung in Zeiten von Intoleranz.“

Dresden, die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, kein schlechter Ort für so etwas. Vergangenes Wochenende wurde das Gebäude wieder einmal beschmiert, diesmal mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen. Die Stadt ist Pegidas Geburtsort, montags kommen immer noch 1000 bis 2000 Leute, um den Weisheiten eines aus Teneriffa eingeflogenen vorbestraften Drogendealers und Einbrechers zu lauschen. Und im Land zerlegt sich die AfD im Streit darüber, wie rechtsextrem und nationalistisch sie noch werden soll.

„Ich kriege das alles einfach nicht in den Griff“, sagt irgendwann Bürgermeister Spindler. Die Verrohung, das Geschimpfe auf Facebook, der Hass, der verlogene Populismus. Er ist ratlos wie die allermeisten im Raum. „Gibt es irgendetwas, das nach vorne zeigt? Was kann ich tun?“

Argumente zählen nicht

Es ist die Eine-Million-Euro-Frage. Sie klingt wie die Bitte um ein passendes Werkzeug, einen Schraubenschlüssel gegen die Ratlosigkeit im Umgang mit zornbebenden Rüpeln, ein Werkzeug, das Politikwissenschaftler und Psychologe allerdings nicht parat haben. Wie auch.

Im Gegenteil, sogar Werkzeuge, die früher einmal funktionierten, taugen nichts mehr: Fakten sind plötzlich wertlos, Argumente zählen nicht, Frechheit und Dummheit siegen.  „Einstellungsänderungen durch Information? Vergessen Sie es, ein schöner Traum“, erklärt Psychologe Sill in den Räumen einer Institution, die seit 1991 eigentlich nichts anderes macht, als Informationen im Land auszusäen, damit Bildung, Kommunikationskultur und demokratisches Miteinander daraus werden. „Umgekehrt funktioniert es: Menschen suchen Informationen, die zur eigenen Einstellung passen.“ Siehe soziale Netzwerke und „Lügenpresse“. Man bastelt sich die Welt, wie sie einem ge- oder missfällt.

Einrichtungen wie die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung haben längst Konsequenzen gezogen und ihre Angebot fast therapeutisch ausgeweitet: Mehr Zeit und Raum für Emotion, Podien und Fish Bowl-Runden, in denen Menschen Dampf ablassen können und bestenfalls lernen, miteinander zu reden ohne zu schreien. Mehr Event und auch Spaß wie bei kabarettartigen Debattenschlachten über Sinn oder Unsinn des Säxits, des Ausscheidens Sachsens aus der Bundesrepublik. Der Bauchladen der politischen Bildung hat längst ein Extrafach für Gemüt und gute Laune.

„Nicht eine Stunde“, meint Psychologe Sill,  möchte er heute mit einem Politiker tauschen, der zunehmend von Grüppchen angemacht werde, die sich für die Mehrheit halten oder gleich für das ganze wahre Volk und von Politikern manchmal wegen ihrer Aktivität für bedeutsamer gehalten werden als sie sind: Eben nur  Grüppchen mit nicht erschütterbaren „Gewissheiten“, die auch weitermachten, wenn ihre Argumente entkräftet sind. Leute wie „Imfgegner“.

Der Psychologe rät: Fragen stellen

Was  also tun? Der Psychologe rät: Fragen stellen, am besten ironisch und humorvoll. Das sei besser als Antworten geben. Weg mit dem übertriebenen Gendermodus und all den Euphemismusketten aus der Political Correctness zum Schutze Betroffener, die selbst viel entspannter mit allem umgehen als die besorgten Wortschöpfer: „Zigeuner sagen selbst Zigeuner“, meint Sill. Also bitte.

Die „Emotionalität aus der Unseriösität“ holen und sie nicht den Falschen überlassen, empfiehlt er im Umgang mit Populisten. Nichts leichter als das, denkt vermutlich manch leidgeprüfter Bürgermeister im Raum, ironisch natürlich, seinen lokalen Hassbürger vor Augen.

Und die Politikwissenschaft? Ist ganz gut darin, „nachträglich“ zu erklären, was vorher passierte, meint der Bonner Professor Frank Decker. In Sachen Rechtspopulismus heißt das: Das Aufblühen der AfD ist  eine Reaktion auf die Grünen und ihre Politik, auf die CDU, die sich kaum noch von der SPD unterscheide und keinen rechten Flügel mehr habe, auf das Flüchtlingsthema mit all seinen Weiterungen: „Da ergeben sich Möglichkeiten für Rechtspopulisten“.

Die Werkzeugfrage. Strategien der Auseinandersetzung? „Verallgemeinerungen sind schwierig“. In Österreich sei die FPÖ nur noch zu dezimieren, indem man sie an die Macht und vor aller Welt scheitern lasse. Ansonsten der Rat an hiesige Politiker und Journalisten: „Nicht eilfertig über jedes Stöckchen springen, das die AfD hinhält.“

Ein Lokalpolitiker fragt nach dem kleinen Schraubenzieher: „Eine Podiumsveranstaltung mit AfD oder ohne?“ Antwort Decker: „Kommt darauf an.“ Björn Höcke im Fernsehen bei Günther Jauch sei falsch gewesen. Ihm hätte man kein Podium bieten dürfen. Prinzipiell aber: „Reden ja, wenn Gespräche möglich sind.“ Auf Provokationen am besten „gelassen, witzig und mit Ironie“ reagieren.

„Na besten Dank“, murmelt eine Frau im Publikum. Danach ist Pause. Ein italienischer Eiswagen fährt vor. Es gibt zwei Kugeln auf Kosten des Hauses.