Karlsruhe 2019 : Stephan B. (r) wird zur Außenstelle des Bundesgerichtshofs gebracht.
Foto: dpa/Silas Stein

BerlinEs ist kurz vor 12 Uhr mittags an diesem 9. Oktober 2019, als Stephan B. seinen Mietwagen auf einen Parkplatz am Paulusviertel in Halle lenkt. Er macht den Motor aus, nimmt sein Smartphone und startet den Laptop. Kurz darauf hört man ihn sprechen: „Stream läuft.“ Ein wackliges Bild ist zu sehen, dann erscheint kurz B.s Gesicht. Auf Englisch sagt er: „Ich bin Anon, und ich glaube, der Holocaust ist nie passiert.“ Dann hetzt er gegen den Feminismus, der schuld sei an den rückläufigen Geburtenraten im Westen und der Masseneinwanderung. „Die Ursache all dieser Probleme“, sagt er schließlich noch, „ist der Jude.“ Dann steckt er die Handykamera an seinen Bundeswehrhelm, damit man ihm auf der Gamer-Plattform Twitch.tv live beim Morden zuschauen kann. 

B. fährt los in Richtung Synagoge an der Humboldtstraße, in der an diesem Tag mehr als 50 Menschen den höchsten Feiertag der Juden begehen – Jom Kippur, das Fest der Versöhnung. Noch einmal muss B. anhalten, an einer roten Ampel, 150 Meter vor der Synagoge. Wieder hört man seine Stimme: „Niemand rechnet mit der Internet-SS.“ Und er lacht. Die Ampel springt auf Grün, B. fährt los. Noch 150 Meter. Dann wird er aussteigen, in seinen schwarzen Stiefeln, mit Helm und olivfarbener Tarnjacke. Und er wird in die Synagoge gehen, um Juden zu töten, „so viele wie möglich“, wie er später bei der Polizei zugibt. Mit seiner selbst gebastelten Munition, die er in einem früheren Internetpost „Antisemitische Schrotpatronen“ genannt hat.

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