Berlin - Es war ein Dienstag in diesem August, der das Leben von Jürgen Opitz komplett veränderte. Bis dahin war der 59-Jährige ein unbekannter Bürgermeister einer 16.000-Seelen-Gemeinde im Umland von Dresden. An diesem 18. August, um 14.08 Uhr, klingelte das Telefon in dem schmucken Rathaus mit der Sonnenuhr und den Geranien vor den Fenstern. Ein Beamter des sächsischen Innenministeriums teilte Opitz mit, dass zwei Tage später einige hundert Flüchtlinge in einem leerstehenden Praktiker-Baumarkt am Ortsrand untergebracht würden.

Die Schutzsuchenden kamen. Und kurz darauf der braune Mob. Zwei Nächte lang randalierten 200 Ausländerfeinde ungehindert auf den Straßen, schmissen Straßenschilder um, warfen Feuerwerkskörper auf Polizisten und terrorisierten die verängstigten Asylanwärter in der kahlen Halle. Mit einem Mal wurde Heidenau zum Synonym für ungebremsten Hass, für die Überforderung des Rechtsstaats und für die Sorge, dass Deutschland zurückfallen könnte in finsterste Zeiten.

„Braunes Drecksnest?“

„Ist Heidenau ein braunes Drecksnest?“, wollen die Journalisten aus Berlin wissen, die den kleinen Mann mit dem runden Kopf am Montag danach umringen. Schon am frühen Morgen hat der Deutschlandfunk angerufen. Wenig später rollt Vizekanzler Sigmar Gabriel an. Doch Opitz duckt sich nicht weg.

Sachlich, differenziert und ohne Schönfärberei schildert er vor laufenden Kameras die Situation. Dass es NPD-Anhänger in seiner Stadt gebe, aber auch „Nazi-Touristen“. Dass man die Ängste in der Bevölkerung („Wenn die Menschen hier nach Berlin fahren, kriegen die einen Kulturschock“) ernstnehmen müsse: „Aber bei mir hört der Spaß auf, wenn Flüchtlinge beschimpft werden und wenn über sie gehetzt wird.“ Und dass er sich von Gewaltdrohungen und „Volksverräter“-Rufen nicht einschüchtern lasse: „Ich habe keine Angst.“

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