Pozzuoli - Wenn Filomena Maddaluno auf ihrem Balkon Wäsche aufhängt, blickt sie in einen Krater. Der Sozialwohnungsblock, in dem die Hausfrau seit mehr als vierzig Jahren lebt, steht auf dem Rand des Solfatara-Vulkanschlots in Pozzuoli. Unter ihren Fenstern liegt eine Mondlandschaft aus gleißend weißem Sand und Geröll, aus der an vielen Stellen Schwefeldampfwolken und blubbernde Blasen aufsteigen. In Filomena Maddalunos Küche mischt sich der Duft des starken neapolitanischen Kaffees, den sie in der Mokka-Schraubkanne zubereitet, mit dem Schwefelgeruch, der durch das ganze Stadtviertel Rione Solfatara wabert und eine deutliche Note von faulen Eiern hat. Aber Filomena Maddalunos Nase registriert ihn schon lange nicht mehr.

Beim Stichwort Golf von Neapel kommt einem eigentlich der Vesuv in den Sinn, der berühmteste Vulkan Europas, der Pompeji und Herculaneum unter Lava und Asche begrub. In Pozzuoli, 85.000 Einwohner, zwanzig Kilometer weiter westlich am Meer gelegen, ist der Kegelberg schon außer Sichtweite. Dass sich die kleine Hafenstadt jedoch mitten im Zentrum eines anderen, weitaus größeren und ungleich gefährlicheren Vulkans befindet, weiß kaum ein Tourist, der hier die Fähre zur Insel Ischia besteigt oder das antike römische Amphitheater besichtigt. Selbst vielen Einheimischen ist nicht klar, dass sie im Auge des einzigen Supervulkans des europäischen Kontinents leben. Denn er ist gut getarnt.

Die Phlegräischen Felder, die „brennenden“ Felder, wie sie griechische Siedler ein halbes Jahrtausend vor Christus tauften, sind ein 150 Quadratkilometer großer runder Kessel der heute aussieht wie eine harmlose Hügellandschaft. Es ist eine Caldera, so heißen große Krater, die durch den Kollaps eines Vulkans entstanden. Dieser hatte bisher mehr als fünfzig Eruptionsherde und nur an einem, dem Solfatara-Krater, lässt sich erahnen, welch gewaltige Kräfte unter der Oberfläche rumoren. Verglichen mit dem Vesuv lockt dieses Naturschauspiel aber bisher nur wenige Besucher an.

Giftgelbe Felsbrocken

An diesem Wintervormittag ist die Geophysikerin Lucia Pappalardo fast als einzige im Krater unterwegs. In Bergschuhen stapft sie über Sand und Geröll, denn die Hitze des Bodens dringt schnell durch die Sohlen. „Eine vierzig Kilometer breite Magmakammer liegt unter unseren Füßen“, erklärt sie, umnebelt von Schwefeldämpfen, die aus giftgelb verfärbten Felsbrocken zischen. Direkt aus dem Erdinneren kommen diese Gase, vom geschmolzenen Gestein in den Magmakammern.

Die Phlegräischen Felder gelten als Supervulkan, weil so ungeheure Mengen Magma unter ihnen lagern, sagt Pappalardo, die am zehn Minuten Autofahrt entfernten Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie forscht. Im Kontrollraum laufen dort rund um die Uhr die Satellitenbilder und aktuelle Messdaten von Vesuv, Phlegräischen Feldern und der Vulkaninsel Stromboli ein. Für den Vesuv gilt die niedrigste Warnstufe Grün. Für die Phlegräischen Felder dagegen wurde sie vor vier Jahren auf Gelb heraufgesetzt. Erhöhte Wachsamkeit, heißt das.

Vor 39.000 Jahren, zu Zeiten der Neandertaler, hatte der Supervulkan eine Super-eruption, erzählt Lucia Pappalardo auf dem Rückweg durch den Krater zu ihrem weißen Dienstwagen, einem Allrad-Panda. Was damals geschah, klingt nach Apokalypse. 300 Milliarden Kubikmeter Lava und Asche wurden ausgespuckt. „Der Himmel über Europa verdunkelte sich, Asche flog bis nach Sibirien, ein vulkanischer Winter brach aus.“ Er war einer der Gründe dafür, dass die Neandertaler ausstarben.

Institutskollegen von Lucia Pappalardo haben vor wenigen Monaten eine Studie veröffentlicht, in der es heißt, die Phlegräischen Felder näherten sich einem kritischen Punkt und ein neuer Ausbruch könnte bevorstehen. Weil sich die Zusammensetzung der austretenden Gase verändert und deren Temperatur sich erhöht hat, glauben sie, dass Magma Richtung Oberfläche steigt. Die Studie sorgte für einiges Aufsehen und Schlagzeilen wie: „Der Supervulkan erwacht“. Eine britische Boulevardzeitung schrieb: „Supervulkan könnte Millionen in Europa töten“.

Lucia Pappalardo winkt lächelnd ab. Die Studie sei von einigen falsch und sensationsheischend interpretiert worden. „Eine Super-Eruption ist extrem unwahrscheinlich, so etwas wiederholt sich nur alle hunderttausend Jahre.“ Aber ein kleinerer Ausbruch der Phlegräischen Felder, der sei durchaus wahrscheinlich. Wobei „klein“ ein relativer Begriff ist. Bei der letzten, acht Tage dauernden kleinen Eruption im 16. Jahrhundert wuchs nahe Pozzuoli ein neuer Berg, der 133 Meter hohe Monte Nuovo, und ein ganzes Dorf versank in den Fluten des Golfs von Neapel. Die Ruinen von Tripergole schimmern noch heute unter der Meeresoberfläche und sind ein Ziel für Boote und Taucher.