Berlin - Herr Krüger, was fällt Ihnen zu Heidenau ein?

Der organisierte Rechtsextremismus in Deutschland ist durch diese Flüchtlingsbewegung ruckartig sichtbarer geworden. Die Bereitschaft, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und für die Idee einer homogenen Gesellschaft zu werben, hat sich radikal verstärkt. Ich würde nicht die gesamte Gesellschaft als mehrheitlich rechtsextrem bezeichnen, auch nicht die in Sachsen. Aber dort bestehen verfestigte organisierte rechtsextreme Strukturen, die so in vielen anderen vor allem westlichen Bundesländern nicht bestehen. Und diese wurden in Heidenau mobilisiert.

Die Rechtsextremisten ziehen rum.

Oft sind sie auch schon Bestandteil der Dorf- oder Stadtgemeinschaft und werden noch von außen verstärkt und unterstützt. Dabei muss man sagen, dass das Homogenitätsbedürfnis vieler Menschen in unserer Gesellschaft einfach da ist. Die Idee einer homogenen Nation hat im 20. Jahrhundert zu katastrophalen Ergebnissen geführt. Sie wirkt trotzdem nach. Dabei scheinen schrumpfende Regionen mit starker Abwanderung von jungen, gebildeten Leuten Zielgebiet für organisierten Rechtsextremismus zu sein. Dem muss man sich entgegenstellen.

Gesichter der Gegeninitiative stärken

Was aber in Sachsen nicht passiert.

Lange nicht passiert ist. Aber was mir etwas zu kurz kommt in der öffentlichen Darstellung, sind die doch sehr ausgeprägten Gegeninitiativen, die für eine Willkommenskultur einstehen und von Empathie mit den Flüchtlingen zeugen. Die gibt es auch und dezidiert in Sachsen. Diese Gesichter muss man stärker zeigen. Das ist ebenfalls ein Gebot der Stunde.

Sie sehen also keinen Grund, schwarz zu malen?

Nein. Aber wir müssen die notwendigen Anstrengungen stärker akzentuieren. Dass der Bundesinnenminister bei der Flüchtlingsarbeit auf pensionierte Beamte zurückgreifen will, finde ich ein ganz klares Zeichen. Man muss außergewöhnliche Wege in außergewöhnlichen Zeiten gehen. Wir brauchen nicht nur repressive, sondern auch präventive Strategien. Wir brauchen eine Art Solidarpakt III.

Wir haben in den 90er-Jahren gute Erfahrungen gemacht, als es darum ging, die Herausforderung der deutschen Einheit zu schultern. Was wir derzeit brauchen, ist eine neue Solidarität. Die Gesellschaft ist an der Stelle ohnehin viel weiter als in den 90er-Jahren. Denn die meisten Leute können sich an fünf Fingern abzählen, dass in einem Land, dem es ökonomisch gut geht, das aber einen gravierenden Fachkräftemangel hat, jede Zuwanderung relevant ist. Man muss die Herausforderung zusammen bringen mit der Zukunft dieses Landes.

Politiker haben sich klar geäußert

Wie passt das zusammen mit der beschriebenen Sehnsucht nach einer homogenen Gesellschaft?

Es gibt einen relativ relevanten Teil der Gesellschaft, der ein Homogenitätsbedürfnis hat, also am liebsten unter sich bleiben möchte. Doch das ist einfach ein großer Trugschluss. Und die Politik äußert sich dazu in den letzten Wochen ja schon sehr deutlich. Ich finde gut, dass Spitzenpolitiker in Orte wie Heidenau fahren. Der nächste Schritt muss sein, die Maßnahmen zu bündeln. Dazu gehört dann auch politische Bildung.

Der Freistaat Sachsen sollte sich noch mal die Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung angucken, die politische Bildung in den Schulen der Bundesländer miteinander vergleicht und leider feststellt, dass Sachsen da am Schluss steht. Sachsens Zukunft hat nicht nur mit dem Ingenieurs-Gen zu tun, sondern auch mit Basis-Kompetenzen, wie man mit den Herausforderungen einer Gesellschaft von heute umgeht.

Dass die Politik zu vage geblieben sei, sehen Sie nicht?

Ich würde schon sagen, dass doch recht viele Politiker klare Statements abgegeben haben. Dass sich die Kritik jetzt auf die Kanzlerin fokussiert, finde ich etwas ungerecht, weil die verschiedenen Zuständigen sehr aktiv gewesen sind. Das haben die sicher nicht ohne Abstimmung mit ihr getan. Es geht auch nicht so sehr darum zu fragen, was dieser oder jener gesagt hat. Die Frage muss lauten: Was ist der nächste Schritt? Jeder vierte DDR-Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg war Flüchtling. Jeder fünfte Bayer kam aus dem Sudetenland. Das Land hat ganz andere Herausforderungen gemeistert.

Das Gespräch führte Markus Decker