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Noch ist Joachim Gauck nicht Bundespräsident – und noch ist auch nicht entschieden, wo er wohnen wird, wenn er dann gewählt ist. Sein Sprecher sagt, das habe in den bisherigen Überlegungen keine Rolle gespielt. Bleibt das künftige Staatsoberhaupt in Schöneberg? Da wohnt Gauck jedenfalls bisher. Oder zieht er nach Dahlem, dort steht die Dienstvilla des Bundespräsidialamts. An beiden Orten reklamieren seine bisherigen und die möglicherweise künftigen Nachbarn Gaucks Wohnsitz aber schon mal für sich.

In Schöneberg herrscht schon jetzt präsidiale, ehrfurchtsvolle Stimmung. Der Apotheker in der Innsbrucker Straße kennt Gauck zwar, möchte aber nicht sagen, ob er bei ihm schon mal Taschentücher oder Aspirin gekauft hat. Das falle ja dann doch wohl unters „Staats-, äh, Arztgeheimnis“, windet er sich. Über seinen prominenten Kunden als künftigen Bundespräsidenten will er sich lieber nicht äußern. „Sonst ist der auch gleich wieder weg, so wie sein Vorgänger.“

Nebenan im Lebensmittelladen ist die vietnamesische Marktleiterin etwas auskunftsfreudiger. Ja, der Joachim Gauck kaufe manchmal Gemüse bei ihr ein, sagt Nguyen Rohde. „Sympathisch und ruhig“ sei er, berichtet sie und hat auch gleich einen Vorschlag, worum sich der 72-Jährige im höchsten Amt des Staates kümmern sollte: „Die Steuern sind zu hoch. Wir arbeiten viel, aber vom Einkommen bleibt zu wenig übrig.“ Wie der Apotheker nebenan wünscht sie sich, dass Gauck auch als Präsident in Schöneberg wohnen bleibt. „Das wäre wohl günstiger, sonst wohnt ja hier noch einer weniger“, sagt der Apotheker.

Stuck und Kronleuchter

Der Kiez habe sich sehr verändert, meint er. Es gebe immer weniger Geschäfte, vor allem die kleinen Läden seien gewichen. Dennoch lebe es sich eigentlich gut und schön zentral. In den Seitenstraßen des verkehrsumtosten, rummeligen Innsbrucker Platzes hört man von der Stadtautobahn nur noch ein leises Rauschen. 60er-Jahre-Bauten mit schmuckloser Fassade wechseln sich mit prachtvollen Altbauten ab, die den Krieg überstanden haben.

Joachim Gaucks Haus ist eines von diesen schick sanierten Altbauten, mit weißer Schmuckfassade, Stucknymphen und großen Balkonen. Im Treppenflur mit dem schön geschwungenen Holzgeländer liegen Teppiche unter einem glitzernden Kronleuchter. Ärzte und Rechtsanwälte leben in der Nachbarschaft, viele in Eigentumswohnungen.

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Nur ein paar Schritte sind es von hier bis in den Rudolph-Wilde-Park. Grün gibt es also, dafür kaum Kneipen und Restaurants. „Das ist eher eine Wohngegend“, sagt eine äußerst gesprächige Frau, die im Haus neben Gauck wohnt. Manchmal sieht sie ihn auf dem Fahrrad, erzählt sie. Und will gleich noch was loswerden: „Er grüßt nicht. Steigt ins Auto und fährt weg.“ Das findet die Endfünfzigerin nicht gut.

Es gibt aber auch Nachbarn, die anderes erzählen. Die Entertainerin Gayle Tufts zum Beispiel, die ebenfalls in direkter Nachbarschaft wohnt. „Ich sehe ihn öfter, er ist ein sehr freundlicher Mensch und ein netter Nachbar“, erzählt die Amerikanerin mit festem Wohnsitz in Berlin. Er sage stets „Hallo“ oder „Guten Morgen“, auch wenn er wohl keine Ahnung habe, wer sie sei. Das ging der Entertainerin übrigens auch lange so – erst ihr Mann machte sie darauf aufmerksam, wer da bei ihr um die Ecke wohnt.

Alles Gute für Gauck

Sie beschäftige sich nicht so sehr mit deutscher Politik, sagt Tufts, hält aber Gauck auf jeden Fall für eine „Verbesserung“ und wünscht ihm alles Gute. Einen Vorschlag für den künftigen Wohnort hat die Entertainerin auch parat. Der liegt allerdings weder in Schöneberg noch in Dahlem: „Er soll ins Schloss Bellevue ziehen, dann hat er es nicht so weit ins Tipi-Zelt, wo ich regelmäßig auftrete!“

Im Bellevue gibt es aber keine Präsidentenwohnung mehr. Deshalb entscheidet sich Gauck vielleicht ja doch für Dahlem. Unglaublich still ist es dort. Vögel zwitschern in den Gärten mit den alten Bäumen. Links und rechts der Dienstvilla des Bundespräsidenten in der Pücklerstraße stehen schicke Villen und Residenzen. Die Straßen sind nach Wildtieren, Singvögeln oder verdienten Mitgliedern der Gesellschaft benannt. Die Zäune sind blickdicht und auf den Klingelschildern stehen oft nur Anfangsbuchstaben. Alle zwanzig Minuten fährt ein Bus zum Kudamm.

Zu Fuß ist man hier höchst selten unterwegs. Eine Frau führt ihren langhaarigen Hund aus. „Herr Gauck sollte hier einziehen“, findet sie und deutet auf eine weiße Villa hinter dem eisernen Zaun: die Präsidentenvilla, in der auch Gaucks Vorgänger Christian Wulff gewohnt hat und vor ihm die Köhlers. Alles sei bereit und sicher sei es auch, sagt sie. Sie meint die Polizisten vor der Tür und die Kameras rings um das Grundstück. Hier störe es keinen, ob der Präsident komme oder gehe, sagt sie. In Schöneberg, so stellt sie sich das jedenfalls vor, würden die Sicherheitsvorkehrungen doch das Leben der Nachbarn beeinträchtigen. Dann geht sie weiter, und auf der Straße ist es wieder still.