Presseschau: Neues Leiden am Kapitalismus

Noch vor ein paar Jahren wäre einem das Wort Kapitalismus eher widerwillig über die Lippen gekommen, weil es wie eine Vokabel aus dem zugeklappten Wörterbuch des Klassenkampfes daherkam. Inzwischen gehört schneidige Kapitalismuskritik wieder zum Repertoire des gefälligen Mitredens. Und so erklang das K-Wort auf dem Wirtschaftsgipfel von Davos als weithin tönendes Echo.

Heike Göbel glaubte in der FAZ, ein allgemeines Leiden am Kapitalismus vernommen zu haben. „Nimmt man die aus den Schweizer Bergen kolportierte Stimmung und die kritischen Äußerungen zum Nennwert, ertragen Manager und Banker das kapitalistische Wirtschaftssystem nur noch, weil man kein Besseres hat.“

Neues Leiden

Im Schneesturm von Davos kann einem aber auch schon einmal die Orientierung verloren gehen, und so präsentiert die Zeitung ein paar Seiten weiter ein stattliches Exemplar dieses neuen Leidens. Für Dirk Schümer hat infolge der Finanzmarktkrise die Epoche der Postdemokratie längst begonnen.

„Die demokratische Lücke war immer schon die größte Gefahr der EU. Statt sie zu schließen und den Kontinent gegenüber dem enthemmten, inhumanen Staatskapitalismus in China und Russland humanistisch zu legitimieren, übernehmen EU-Kommission und Zentralbank jetzt eine Rolle, wie sie in China das Zentralkomitee der kommunistischen Partei ausfüllt. Wenn sich nichts ändert, erleben wir wieder einmal die Implosion des so fragilen Unterfangens namens Demokratie. Was nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs würdig und klug begonnen hatte, um im Bund demokratischer Nationen den ideologischen und chauvinistischen Eigennutz sowie das Kapital an die Leine zu legen, würde dann von genau den Kräften niedergerungen, die das Projekt hätte bannen sollen.“

Ökonomie als Grenzwissenschaft

Der Schriftsteller und Unternehmer Ernst-Wilhelm Händler schlägt in der Zeitschrift Merkur unterdessen vor, sich jenseits der Affekte gegen den Kapitalismus noch einmal der Ökonomie als Theorie und Praxis zu widmen. „Der beklagte Imperialismus des ökonomischen Denkens ist vor allem eine Folge des grundlegenden Charakters der Ökonomie als Grenzwissenschaft. Die Besonderheit der ökonomischen Theorie liegt in der Radikalität, mit der sie für sich selbst jede Grenze negiert. Andere Disziplinen können sich der Grenze zur Unwissenheit nur von einer Seite nähern. Weil die ökonomische Theorie die Grenze und die Unsicherheit immer mitdenkt, erhebt das ökonomische Denken einen unbegrenzten Anspruch. Grenzen sind grundsätzlich Anziehungspunkte für Abenteurer und Allmachtsfanatiker. Menschen ohne Skrupel gibt es überall, eine empirische Evidenz dafür, dass sie in der Wirtschaft und besonders im Finanzsektor gehäuft auftreten würden, existiert jedoch nicht. Allmachtsfantasien werden mittlerweile nicht mehr von Staatsmännern, sondern von Firmen wie Google verkörpert.“