Ein Mädchen aus dem Lager Moria.
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Die humanitäre Lage der Menschen in den Flüchtlingslagern in Griechenland und Libyen ist dramatisch. Die Lager sind Gefängnisse, rechtsfreie Räume, Orte des namenlosen Elends. Doch der öffentliche Aufschrei in Europa bleibt aus. Corona hat alles überlagert. Italienische Regionalpolitiker nützen die Pandemie, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen: Es sei zu befürchten, dass Migranten ohne Symptome das Virus nach Europa schleppen könnten. Hier wird blanker Rassismus geschürt: Den Flüchtlingen wird eine Gefahr angedichtet, gegen die sie sich noch weniger wehren können als gegen die bekannten Vorurteile. Solche Aussagen sind ein schleichendes Gift. Alle jene Politiker, die am Höhepunkt der Flüchtlingskrise ihre Menschlichkeit entdeckt hatten, sind jetzt aufgerufen dagegenzuhalten.

Die faktischen Zahlen zeigen, dass es aktuell keine Massen-Migration gibt. Es ist nicht die ganze Welt, die kommen will. Der Spruch „Wir schaffen das!“ ist heute realistischer denn je. Wir reden etwa im Fall des Lagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos von 15.000 Menschen. Das müssen wir schaffen. Es ist im Interesse Europas, dass wir es auch schaffen wollen. Verschiedene Politiker in Europa hatten bei der Öffnung der Grenzen im Sommer 2015 Sorge wegen angeblich schlimmer Bilder, die entstehen könnten. Diese Sorge war eine Fiktion. Heute gibt es diese bedrückenden Bilder ganz real, auch wenn wir sie verdrängen. Europa sollte nicht wegsehen. Es mag bequem sein, dass die unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen als Abschreckung wirkt. Europa darf nicht Australien werden. Mit humanistischen oder europäischen Werten ist dieser Weg nicht zu vereinbaren. Die Bilder werden uns einholen. Wir sehen das Leid nicht bloß. Wir sind verantwortlich, es zu stoppen.