Im August 2017 nahm Prinz Philip in London eine Parade ab: Es war sein letzter offizieller Auftritt als Prinzgemahl, seine letzte Amtshandlung – selbst der Himmel weinte: Es regnete.
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BerlinKlammheimlich nicht, aber still und leise schon: Prinz Philip feiert seinen 99. Geburtstag in kleinstem Kreise – mit seiner Gemahlin Königin Elizabeth II. auf Schloss Windsor. Ein gemeinsames, „schlichtes und einfaches“ Mittagessen sei geplant, will die Daily Mail aus wie immer gut informierten Kreisen erfahren haben. Ein wenig Überlegung hätte da möglicherweise auch schon geholfen: Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie sind die beiden Royals der Risikogruppe zuzurechnen – da darf niemand mal so eben zu Besuch vorbeikommen. Wegen der Pandemie wurde der Prinzgemahl schon weit vor Ostern vom Landsitz Sandringham in der Grafschaft Norfolk per Hubschrauber zur Queen geflogen; irgendwann hätten strengere Hygienebestimmungen das verboten.

Das Virus kann sehr einsam machen, davon war in letzter Zeit immer wieder die Rede. Aber für Philip ist das wohl kein Anlass zur Klage. Vielmehr dürfen wir davon ausgehen, dass es dem Ruhebedürfnis des vor Jahren schon von seinem so stressigen wie lärmigen Amt als notorischer Königinnenbegleiter zurückgetretenen Prinzen entspricht. Der Mann, für den das höfische Protokoll nie mehr als die zweite Reihe vorsah, hat ausgedient. Er wollte einfach nicht mehr – nicht zuletzt auch der Gesundheit wegen. Sein letzter offizieller Auftritt fand am 2. August 2017 bei einer verregneten Militärparade statt. Und so wird es ihn auch nicht weiter stören, dass es heute zu seinen Ehren keinen großen Bahnhof gibt, nicht einmal Kanonendonner, wie das britische Verteidigungsministerium mitteilte.

Die biografischen Eckdaten des Jubilars sind hinlänglich bekannt und seien deswegen nur am Rande erwähnt. Philip wurde am 10. Juni 1921 als Prinz von Griechenland und Dänemark auf Korfu geboren – auf einem Küchentisch, weil das der Arzt praktisch fand. Schon mit 13 Jahren verliebte sich Elizabeth in den damals, wie es immer heißt, schneidigen Kadetten. Noch heute gilt Philip als wichtigste Stütze der Monarchin. Bekanntlich zeigt das britische Königshaus in Liebesangelegenheiten eine deutliche Tendenz zum Drama, das gilt in der jüngeren wie auch der älteren Geschichte, weshalb ihm der Boulevard immer schon gewogen war. Zwischen Elizabeth und Philip indes lief es erstaunlich ruhig; nicht wenige sehen in der Verbindung deswegen ein seltenes Beispiel für echtes Glück.

Königin Elizabeth II. mit ihrem Ehemann Prinz Philip: Mit einer Königin verheiratet zu sein, bedeute vor allem, „ihr behilflich zu sein, so gut ich kann“.
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Wie auch immer, in dynastischer Hinsicht stellt sich die Frage nach dem Lebenswerk des Mannes aus der zweiten Reihe. Er hat zweifellos seine Eigenheiten, zum Beispiel sorgte er lange Zeit wegen seiner nicht nur flott-flapsigen, sondern unhöflichen, bisweilen rassistischen und chauvinistischen Auslassungen für Schlagzeilen. Auch das ist hinlänglich bekannt. Bei einem Besuch in China etwa sagte Philip 1986 zu britischen Studenten: „Wenn ihr hier länger bleibt, bekommt ihr Schlitzaugen.“ Den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl bedachte der Prinz mit dem Gruß „Herr Reichskanzler“ und dem Landestracht tragenden Präsidenten von Nigeria erklärte er unverblümt: „Sie sehen aus, als wollten Sie gleich ins Bett gehen.“ Was hochwohlgeborene Herrschaften denken und sagen …

An solchen Spleens ehrwürdiger Gentlemen ist absolut gar nichts harmlos – sie zeugen von Standesbewusstsein und erzeugen Selbstwidersprüche. Zum Beweis mag da auch Philips Ehrenpräsidentschaft beim WWF herhalten – eine Bigotterie, wie manche meinen, weil er doch früher einmal ein passionierter Großwildjäger war und sich deswegen am Artenschutz versündigt habe. Oder: Philip ist wie schon sein Onkel Lord Louis Mountbatten (1900–1979) Mitglied im renommierten Londoner Savage Club, einem vornehmen Herrenclub, der keine Frauen als Mitglieder aufnimmt und zugleich eine innige Verbindung zur Freimaurerloge No. 2190 unterhält, die 1887 auf Anregung des Prince of Wales, des späteren Königs Eduard VII., als Hausloge des Clubs gegründet wurde.

Kann man aus einem solchen ideologischen Potpourri schlau werden? Vielleicht. Aber mit einem Lebenswerk hat das nichts zu tun. Viel interessanter ist etwas anderes. Es hat mit Prinz Philips öffentlicher Existenz in der zweiten Reihe zu tun. Früh hat er das auf seine schnoddrige Art schon angedeutet: 1947, als er und Elizabeth noch nicht verheiratet waren, fragte er auf einer Veranstaltung einen Bahnarbeiter nach dessen beruflichen Aufstiegschancen. „Ach, da müsste schon mein Boss sterben“, antwortete der Gefragte. „Genau wie bei mir“, erklärte Philip daraufhin. Für Elizabeth II. verzichtete er auf eine Karriere bei der Royal Navy. Mit einer Königin verheiratet zu sein, bedeute für ihn vor allem, „ihr behilflich zu sein, so gut ich kann“, sagte er einmal in einem Interview.

Seit seiner Heirat mit Elizabeth II. am 20. November 1947 hat Prinz Philip eine erstaunliche Strecke der Rücksichtnahme und Selbstbeschränkung zurückgelegt. Daran ändern alle Mutmaßungen, die es ja letztlich nur sind, in Hinblick auf seine privaten Freiheiten – Seitensprünge – oder sein häusliches Gebaren nichts; gern wird kolportiert, die Queen trage zwar die Krone, aber ihr Ehemann habe die Hosen an. Dergleichen ist unbedeutend, weil es an dem öffentlichen Bild dieser Ehe nichts ändert. Die Tragik Philips liegt vielmehr darin, dass es ihm nicht gelang, aus der ihm zugewiesenen protokollarischen Rolle seine eigene Freiheit als Mann zu gewinnen. Er nahm sein Los immer nur zähneknirschend hin: „Ich bin nur eine verdammte Amöbe“, soll er geschimpft haben.

Als moderner Mann ist Philip gescheitert. Möglich, dass er deswegen als König der Fettnäpfchen, als Held der Patzer und als Verfertiger staubtrockener, knallkomischer oder saudoofer bis beleidigender Sprüche in die Geschichte eingehen wird – als Prince Painful. Der Zwang zum Witz als sublimierte Aggression … Küchenpsychologie! Apropos: Wie absurd ferndiagnostische Zuschreibungen sein können, zeigt sich bei der Prinz-Philip-Bewegung – ein Kult, der von der Bevölkerung des Dorfes Yaohnanen auf der zu Vanuatu gehörenden Insel Tanna im Südwestpazifik betrieben wird –, die den britischen Prinzen als Gottheit verehrt. Ihren Mythen zufolge habe einst der Sohn des Berggeistes das kleine Tanna verlassen, um jenseits des Meeres eine mächtige Frau zu ehelichen.

Sikor Natuan, ein Einwohner der Insel Tanna, hält Bilder von Prinz Philip hoch: Links ist der Royal mit einer Schweinekeule zu sehen – ein Geschenk des Inselvolkes an ihre Gottheit.
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Weit weg. Dichter dran: Die weitläufige Verwandtschaft, die sich zu Geburtstagen immer gern trifft und auch der Welt zeigt, wird und muss dem Senior coronabedingt fernbleiben. Ihre Glückwünsche kann sie dann per Videochat oder Telefonat oder, ganz altmodisch, per Brief übermitteln. Prinz Philip sitzt mit seiner Frau auf Schloss Windsor fest. Sein Enkel Harry (35) hat sich mit seiner kleinen Familie vom Königshaus losgesagt und lebt jetzt in Los Angeles. Sein Sohn Andrew (60) ist in den Epstein-Skandal verwickelt und wird beschuldigt, Sex mit einer Minderjährigen gehabt zu haben. Seinen Führerschein musste der Mann nach einigen Eskapaden auch abgeben. Und er sehnt sich nach seinem Landsitz Sandringham zurück. Die Pein, sie wird vorübergehen. Herzlichen Glückwunsch!