Am frisch gestrichenen Schulgebäude prangt ein Schriftzug: „Begabung – Intelligenz – Persönlichkeit“. Für viele Eltern scheint das eine Art Versprechen, ja eine Verheißung zu sein. Sie besuchen an diesem Donnerstag den Tag der Offenen Tür an der BIP-Kreativitätsgrundschule in Berlin-Karlshorst.

„Ich habe den Eindruck, dass die Kinder sich hier noch benehmen können und etwas lernen“, sagt eine Mutter aus Polen, die sich mit ihrer Tochter umschaut. Schüler führen die interessierten Eltern und Kinder herum. „Ich misstraue den staatlichen Schulen, gerade bei mir im Wohngebiet“, sagt Andrea Bochow, eine junge Mutter aus Marzahn. Sie will extra umziehen, damit der Schulweg nicht so weit ist. Auch ein junges Elternpaar aus Johannisthal schaut sich in den lichten Gängen des Gebäudes um. „Wir haben nur ein Kind. Deshalb wollen wir für unserer Tochter die bestmögliche Ausbildung“, sagt die Mutter.

Kosten sind kein Hindernis

Auch wenn das Geld kostet. 260 Schüler besuchen diese vor zehn Jahren gegründete Schule inzwischen. Das Interesse ist groß.

Das gilt auch für das übrige Berlin. Die Zahl der Privatschulen wächst seit Jahren kontinuierlich. Mittlerweile besucht jeder elfte Schüler in der Hauptstadt eine Schule in freier Trägerschaft – damit ist der Bundesdurchschnitt erreicht.

Allerdings beklagen die freien Schulen in Berlin, dass sie vom Land nicht auskömmlich finanziert werden. Am Donnerstag stellten daher die maßgeblichen Privatschulbetreiber im Schulausschuss des Abgeordnetenhauses ihre Sicht der Dinge dar.
Eine Privatschule erhält in der Regel erst drei bis fünf Jahre nach Gründung eine finanzielle Unterstützung vom Land. Berlin übernimmt erst dann 93 Prozent der Personalkosten. „Das sind aber nur die Kosten für Lehrer, Hausmeister und Schulsekretariat“, führt Andreas Wegener vom Privatschulverband aus. Betriebs- und Sachkosten würden nicht berücksichtigt. Nur gut 60 Prozent aller Kosten würden somit erstattet. Hamburg sei da großzügiger.

„Fünf Jahre Wartezeit auf staatliche Zuschüsse ist für Grundschulen zu lang“, sagt Martin Hoyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Im Land Brandenburg kürzte Rot-Rot zuletzt sogar drastisch die Zuschüsse für Privatschulen. Dennoch werden dort zum kommenden Schuljahr wieder elf neue allgemeinbildende Privatschulen an den Start gehen. Generell versuchen Privatschulen oftmals die Kosten zu drücken, indem sie an Personalkosten sparen, zunächst klein anfangen oder Hort- und Frühbetreuung extra berechnen.

Klar ist, dass viele Privatschulen exklusiven Charakter haben. Kinder aus armen und migrantischen Familien sind dort seltener zu finden. Mittelschichteltern sorgen so bewusst oder unbewusst dafür, dass ihre Kinder mit Kindern aus dem gleichen Milieu lernen. Dafür sorgt allein das Schulgeld.

An der BIP-Schule – das Kürzel steht für „Begabung – Intelligenz – Persönlichkeit“ – gibt es seit kurzer Zeit einkommensabhängige Beiträge. Ab einem Jahresbruttoeinkommen von gut 42.000 Euro zahlen Eltern monatlich mit Zusatzbeiträgen 290 Euro, ab 69.000 Euro Einkommen sind 330 Euro fällig.

Dafür gibt es Besonderheiten, die es staatliche Schule nicht bieten: In einer Klasse lernen maximal 22 Schüler. In Mathematik und Deutsch sind zwei Lehrer in einer Klasse. Gibt es Hausaufgaben, werden sie meist im Hort unter Aufsicht erledigt. Und um die üblichen Klischees zu bedienen, sei gesagt, dass selbst eine Fremdsprache wie Chinesisch schon ab der 1. Klasse gelernt werden kann. „Auch gibt es garantiert keinen Unterrichtsausfall“, sagt Schulleiterin Nicola Richter. Elternvertreterin Claudia Theißen bestätigt das.

Die BIP-Kreativitätsschulen sind nach der Wende vom Leipziger Professorenehepaar Mehlhorn gegründet worden, das sich auch schon früher mit Begabtenförderung beschäftigt hatte. Es gibt hier Ansätze von Waldorf- und Montessoripädagogik. So zeichnen Erstklässler spielerisch im Tanz Großbuchstaben nach. Gleichzeitig aber spielt auch Leistung eine Rolle. Schon ab der ersten Klasse gibt es – anders als an den meisten staatlichen Grundschulen – Ziffernoten. „Das ist aber entweder eine Eins oder eine Zwei“, sagt Schulleiterin Richter. Man wolle die Kinder motivieren und ihnen nicht den Spaß am Lernen nehmen. Genau das wird Privatschulen oft unterstellt: Dass es dort vergleichsweise einfach sei, zu guten Abschlüssen zu kommen. Fast jeder zehnte Schüler ist erst nach einiger Zeit an staatlichen Grundschulen hierher gekommen.

Schulleiterin Richter, die ein dreiviertel Jahr als Vertretungslehrerin an einer staatlichen Schule gearbeitet hatte, sagt, dass 80 bis 90 Prozent der Kinder an ihrer Schule eine Gymnasialempfehlung erhalten. Ein sehr hoher Wert. Die meisten Kinder wechseln auf staatliche Gymnasien. „Die Eltern sagen sich, jetzt habe ich sechs Jahre Schulgeld bezahlt, jetzt ist das Kind gut aufgestellt“, beschreibt Schulleiterin Richter die Stimmungslage.

Ruhig und sauber

Geht man durch ihre Schule, fällt auf, wie ruhig und sauber es ist im Vergleich zu staatlichen Grundschulen – die Kinder tragen sogar Hausschuhe. Der Schulhof ist weitläufig, Grashügel sind angelegt worden. Eltern beteiligen sich an Arbeiten oder spenden. Fundraising bei Firmen ist hingegen schwierig, Die Lehrer sind auffällig jung, manche sind Quereinsteiger wie die Musiklehrerin, die früher Orchestergeigerin war. Im Schulhort gibt es einen Raum, in dem eigene Brettspiele entwickelt werden. „Womöglich gründen wir dafür bald eine Schülerfirma“, sagt der Hortleiter. Viele Schüler sind auffallend höflich.

Wie an vielen Privatschulen entziehen sich auch hier gerade die engagierten Eltern dem staatlichen Schulsystem. Das schwächt die staatlichen Schulen, besonders jene in schwierigen Problemkiezen. Auf der anderen Seite probieren aber gerade freie Schulen wie etwa auch die Evangelische Gemeinschaftsschule Zentrum innovative Unterrichtsformen aus.