Pro 9-Euro-Ticket: Die Vorteile sind klar. Die Nachteile lassen sich ändern

Die beste Idee der Politik für Bürger braucht eine Fortsetzung. Denn endlich war die Entscheidung für Bus und Bahn keine Kostenfrage mehr.

Ein Regionalzug, ein höchst erschwingliches Verkehrsmittel.
Ein Regionalzug, ein höchst erschwingliches Verkehrsmittel.dpa

Alles wird teurer und nichts wird gut. Da war (und ist, freuen wir uns über die letzten Tage!) das 9-Euro-Ticket eine rühmliche Ausnahme. Noch nie zuvor konnten wir Bürger dieses Landes eine so einfache Reform erleben. Ohne umständliche Anträge, ohne Schlangestehen war der Fahrschein einfach da, wie ein Schlüssel zum Glück. In einer Zeit, da wir jegliche Sorglosigkeit verloren hatten, in der die Corona-Pandemie uns gelehrt hatte, übervorsichtig zu sein, die jeweils unterschiedlich für Veranstaltungen und Bundesländer geltenden Regeln zu beachten, ließ es sich sorglos (und natürlich mit Maske) in fast alle öffentlichen Verkehrsmittel steigen.

Jetzt ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Die lustigen Reportagen von den Reisen des einfachen Volks nach Sylt, die spannenden Abenteuer von Reportern, die noch nie Bus gefahren sind, aus den ersten Tagen der dreimonatigen Ticket-Revolution sind vergessen. Wehmut macht sich breit.

Endlich was Logisches nach all dem Wirrwarr

Die Vorteile kennt jeder, deshalb seien sie hier nur kurz zusammengefasst: Das 9-Euro-Ticket ist billig (in Berlin übersteigt bereits eine Vier-Fahrten-Karte in Zone A/B diesen Preis). Es ist von bestechender Logik (während man sonst leicht an Tarifzonengrenzen scheitert oder der unterschiedlichen Zählweise von Stationen für die Kurzstrecke). Es hält leidenschaftliche Radfahrer an Regentagen davon ab, sich in Gefahr zu begeben (mit der U-Bahn kommen sie trocken und sicher an). Es verleitet Autofahrer dazu, auf die Öffentlichen umzusteigen (nicht die große Masse, klar, aber fragen Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis!)

Ersten deutschlandweiten Studien zufolge seien vor allem mehr Fahrten mit den Regionalzügen unternommen worden, auf die Bürger sonst verzichtet hätten. Das kann man bemäkeln, aber warum? Für die Reisenden selbst war das auf jeden Fall gut: Sie gönnten sich Kurzurlaube, Ausflüge, die sie sich sonst verkniffen hätten – des Geldes wegen. Festgestellt wurde auch, zum Beispiel von Wissenschaftlern der TU München: Viele Bürger haben die öffentlichen Verkehrsmittel in ihren Alltag integriert. Drei Monate lang war die Entscheidung eine Kostenfrage nur im positiven Sinn. Die Fahrten konnte man sich leisten.

Die Mitarbeitersituation deutet auf verfehlte Arbeitsmarktpolitik

Wie viele gute Sachen ist auch das 9-Euro-Ticket nicht makellos. Aber das sollte nicht Anlass sein, die schlechten Seiten zu betonen, sondern daran zu arbeiten, sie zu verbessern. Denn das ist der große Erfolg des 9-Euro-Tickets, der über die genannten kleinen Vorteile hinausgeht: Nach all den Jahren, da vom öffentlichen Personennahverkehr bloß allgemein gesprochen wurde, wurde es nun endlich mal konkret. Der Ansturm auf die Regionalzüge zeigte, wie viel besser das Schienennetz ausgebaut werden muss (und nebenbei auch, dass es zu wenig Platz für Gepäck gibt). Die sardinenbüchsenhaft vollen U-Bahnen deuteten auf den Bedarf nach engerer Taktung der Fahrtzeiten. Und allerorten wurden der Personalmangel und die Überlastung der Beschäftigen der verschiedenen Verkehrsbetriebe deutlich. Die Mitarbeitersituation hängt jedoch nicht ursächlich mit dem 9-Euro-Ticket zusammen, sie gibt einen deutlichen Hinweis auf verfehlte Spar- und Arbeitsmarktpolitik der vergangenen Jahrzehnte.

Der Finanzminister, in der Regierung dazu angestellt, das Staatsgeld zu verwalten, hat sich viele Feinde gemacht, als er das 9-Euro-Ticket mit einer „Gratismentalität“ der Bürger in Verbindung brachte. Was für ein hässliches Wort für eine gute Sache. Wie erklären eigentlich die Politiker in Spanien, dass von September bis Dezember dort die meisten Fahrten im öffentlichen Nahverkehr kostenlos werden? Warum kann es sich Tallinn leisten, auf bezahlte Tickets zu verzichten? Oder Luxemburg? Auch ein 19- oder 29-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr würde vielen Menschen hierzulande helfen. Die gute Idee ist hoffentlich nicht nach den drei Monaten tot.