Bitte kein Wutbürger-Wettbewerb!

„Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge“, schrieb Bertolt Brecht. Deshalb: Entfesselte Rhetorik hilft gar nichts. Sie dokumentiert höchstens die Hilflosigkeit des Schimpfenden. Meint Thomas Kröter.
Stopp! Eine kurze Denkpause, bitte! Ja, es ist furchtbar, es ist abstoßend, was wir an Menschenfeindlichkeit geboten bekommen von Menschen, die fremde Menschen, die in Not sind, nicht in unserem Land haben wollen. Aber ist es wirklich nötig, in einen Überbietungswettbewerb einzutreten: Wer findet das schärfste, das gröbste Wort gegen sie? Von „Pack“ hat Sigmar Gabriel gesprochen und damit einen Begriff übernommen, den die Fremdenfeinde den Flüchtlingen entgegen rufen.

Sie haben dem SPD-Vorsitzenden die Beschimpfung postwendend entwunden und einen Ehrentitel daraus gemacht. „Wir sind das Pack!“ wird den Politikern demnächst nicht nur in Heidenau entgegenschallen, wie einst: „Wir sind das Volk“.

In Zeiten, da es das Leben kosten konnte, gegen die Nazis zu sein, hat der sozialistische Dichter Bertolt Brecht, sich Gedanken darüber gemacht, wie mit den (damals übermächtigen) Gegnern umzugehen sei: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge“, schrieb er in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ und beklagte: „Ach, wir die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“

Gegen Menschenfeinde haben wir den Rechtsstaat

Freundlichkeit – das hieß für den politischen Flüchtling Brecht: Achtsamer, respektvoller Umgang miteinander. Die Nazis von damals mussten mit Waffengewalt bekämpft werden. Nein, da war Freundlichkeit nicht möglich. Gegen die Menschenfeinde von heute haben wir (außer unserem bürgerschaftlichen Engagement) den Rechtsstaat. Notfalls ist er mit einem Maß an Gewalt zu stelle, das dem Gesetz der Verhältnismäßigkeit unterliegt.

Entfesselte Rhetorik hilft gar nichts. Sie dokumentiert höchstens die Hilflosigkeit des Schimpfenden. „Polizei, Staatsanwaltschaft, Gefängnis“ hat der SPD-Chef den Demonstranten in Heidenau angedroht. Das klingt nach seinem Vorgänger Gerhard Schröder, der Kinderschänder einfach „wegschließen“ wollte, „und zwar für immer".

Schimpfen und Schreien können die anderen besser.

Unsere Lehre aus den „finsteren Zeiten“, die der Dichter Bertolt Brecht beklagte, ist unser Rechtsstaat. Der weist nicht nur seine Feinde in ihre Schranken, sondern auch seine Bewahrer. Demonstranten mal eben wegschließen, geht nicht - wie menschenfeindlich ihre Parolen auch sein mögen.

Nein, bitte kein Wutbürger-Wettbewerb! Schimpfen und Schreien können die anderen besser. Wer ihnen entgegentritt, sollte sich nicht das Niveau der Auseinandersetzung diktieren lassen. Und außerdem: Politiker werden nicht für’s Reden bezahlt, sondern fürs Handeln.