Berlin - Berliner Gymnasiasten haben offenbar große Probleme, sich auf das Turboabitur nach zwölf Schuljahren einzustellen. Günter Peiritsch, der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, fordert deshalb, den Gymnasien wieder das Abitur nach 13 Jahren zu ermöglichen. Das ist künftig nur an den neuen Sekundarschulen möglich. „Die Gymnasiasten haben durch das Turboabitur eine Arbeitszeit, die viele Angestellte nie akzeptieren würden“, sagte Peiritsch.

Die Zahlen verdeutlichen das: Wiederholten im Schuljahr 2010/11 nur 414 Schüler nach dem ersten Prüfungssemester am Gymnasium, sind es im aktuellen Schuljahr 1338 Schüler, ganze acht Prozent. Meist passierte das in der 11. Jahrgangsstufe. Insgesamt stieg die Zahl der Sitzenbleiber am Gymnasium im laufenden Schuljahr um gut 1000 auf 2628 Schüler.

Dies räumte die Verwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des Berliner Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu hin ein. Bisher war nur bekannt, dass viele Oberstufenschüler freiwillig ein Jahr wiederholten oder die Schule wechselten. Dass aber viele dieser Schüler den Anforderungen nicht gerecht wurden, hat die Bildungsverwaltung bisher verschwiegen. „Der Senat muss mehr tun, dem entgegenzuwirken“, forderte Mutlu.

Nicht reif genug

Gerade haben die Schüler des doppelten Abiturjahrgangs ihre Prüfungen abgelegt, bis morgen müssen die Schulen die Ergebnisse übermitteln. „Vielen Schülern fehlt die Orientierungsphase und oft auch die Reife, zumal wenn sie früh eingeschult wurden“, berichtete Gerald Thimm, Leiter des Berliner Berggruen-Gymnasiums.

Der jüngere Jahrgang habe an seiner Schule bei den Abi-Prüfungen um mehrere Notenpunkte schlechter abgeschnitten als der Jahrgang, der noch 13 Jahre Zeit bis zum Abitur hatte. Andere Schulen melden wiederum keine deutlichen Unterschiede. Ähnlich wie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sprach sich auch der Berliner CDU-Bildungspolitiker Kurt Schlede gegen eine erneute Reform aus: „Wer will, kann an der Sekundarschule das Abitur nach 13 Jahren ablegen.“

Während es also an den Gymnasien größere Probleme gibt, ist die Zahl der Sitzenbleiber mit 5581 Schülern insgesamt weiter rückläufig, das entspricht einer Quote von 1,4 Prozent, im Schuljahr 2009/10 lag sie bei zwei Prozent. Das liegt auch daran, dass es an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen nun kein Sitzenbleiben mehr geben darf, höchstens nach Rücksprache mit den Eltern.

Vorbild Skandinavien

Jeder soll so gefördert werden, dass ihm das frustrierende Erlebnis erspart bleibt. Trotzdem mussten in diesem Jahr dort noch 49 Schüler wiederholen, an Grundschulen sind es sogar fast 1000 Schüler. „Das Konzept geht noch längst nicht überall auf“, warnte Mutlu. In skandinavischen Ländern gibt es das Sitzenbleiben nicht mehr.

Erstmals hat der Senat nun berechnet, wie viel Geld alle Wiederholer das Land Berlin kosten, ganze 34 Millionen Euro seien das in diesem Schuljahr. Denn wer ein Jahr länger die Schule besucht, braucht mehr Personal, zudem mehr Sachmittel wie etwa Schulbücher, und man braucht zusätzliche Räume.

Ein Schulplatz in Berlin kostet 6100 Euro pro Jahr, an Sekundarschulen ist der Platz wegen kleinerer Klassen um 1400 Euro teurer als an Gymnasien. Grundschulen brauchen am wenigsten Geld, dort verdienen Lehrer weniger. Innerhalb von zwei Jahren hat Berlin die Sitzenbleiber-Kosten um sieben Millionen Euro reduziert.