Rügen - „Das wird der neue Hotspot an der Ostsee“, sagt Iris Hegerich, 52. „Wir füllen ein Denkmal, das lange totes Kapital war, mit Leben. Wir schreiben die Geschichte eines weltbekannten und lange verabscheuten Baudenkmals fort.“

Die kleine Person in schmal geschnittenen Hosen aus Leder und bunten Turnschuhen, mit rotem Haar, auf dem ein Schutzhelm sitzt, steht im sechsten Stock von Block 1 und schaut hinaus. Der Wind treibt Blätter über die Promenade, die Wellen branden an den Strand. „Nehmen Sie dieses Bild von der Bucht auf. Dann haben Sie die Ostsee allein für sich“, sagt sie.

Der schönste Strand auf Rügen

Gemeint ist: Bei diesem Anblick kann ein „Bedenkenträger“, wie Hegerich Kritiker ihres Projekts nennt, doch nur zum Fan werden. Vor dem Betrachter liegt der schönste Strand auf Rügen in sanfter Krümmung. Von hier aus schaut man bis nach Kap Arkona und bei guter Sicht bis zum schwedischen Trelleborg.

Nahebei blitzt an sonnigen Tagen der Kreidefelsen auf, den Caspar David Friedrich so oft malte, bis das Bild zur Ikone wurde. Das wilhelminische Binz zeigt die Dächer seiner stuckgeschmückten Villen und Strandkörbe. Viele Strandgänger sind unterwegs, und einige Hartgesottene hüpfen mit viel Geplansche noch im Oktober in die Ostsee.

„Wir haben alle hier, die aus Liebe zum Meer ans Meer wollen“, erklärt Hegerich. „Hochkarätige Kunden, aber auch junge Familien aus ganz Deutschland, vor allem aus den Räumen Hamburg und Berlin. Unser Showroom zieht täglich Hunderte Menschen an.“ Ihre Stimme wird leiser und eindringlich: „Lagen am Meer sind besonders wertvoll. Weil sie nicht beliebig vermehrbar sind. Wo haben Sie heute noch die Chance, eine stilvolle Immobilie in der ersten Reihe am Wasser zu erstehen? Nur in Prora.“

Die freundliche, aber resolute Managerin weiß, dass sie es bei vielen Besuchern mit eben jenen „Bedenkenträgern“ zu tun hat, die nicht finden, dass ein Teil der gigantischen, im Nationalsozialismus geplanten und nie fertiggestellten Anlage ausgerechnet zu luxuriösen Ferienwohnungen umgebaut werden sollte.

Schon einige Wochen zuvor, in ihrem Büro in Berlin-Grunewald zeigte sich Iris Hegerich leicht genervt bei der Frage, wie der Komplex zu großzügigen Apartments umgebaut werden kann, ohne dass der historische Zeugniswert verloren geht.

500 Meter Wohngebäude

Mit Spott in der Stimme fragte sie zurück: „In Berlin ist das Bundesfinanzministerium im früheren Reichsluftfahrtministerium untergebracht, und wen stört das? Niemanden.“ Sie verteidigt ihr Projekt, hat sich entschlossen, es umzusetzen. Zweifel haben keinen Platz mehr, weder die von anderen, noch solche, die sie möglicherweise selbst hatte.

Für 2,7 Millionen Euro haben Hegerich und ihr Geschäftspartner Gerd Grochowiak 2012 Block 1 ersteigert. Das ist jener der acht miteinander verbundenen Betonklötze, jeder 500 Meter lang, der dem Ostseebad Binz am nächsten ist. Im Sommer wurde die Seepromenade auf etwa vier Kilometer verlängert, sie endet nun unter Kiefern vor Block 1.

Irisgerd, wie die Eigentümer ihr Unternehmen nach ihren Vornamen benannten, hat die Gemeinde Prora, die zu Binz gehört, bei der Verlängerung der Promenade finanziell unterstützt. Eine pfiffige Idee der Geschäftsleute – Spaziergänger werden nun direkt zu ihrem Block geführt.

Dort können sie sich ab dem Frühjahr in ein Café setzen oder ins Restaurant gehen, können das Day Spa nutzen oder durch die Boutiquen flanieren, die in der Lobby des ebenfalls geplanten Hotels einziehen sollen.

Sanierung und Umbau sind mit 88 Millionen Euro veranschlagt, bis zu 400 Arbeiter sind auf dem 220.000 Quadratmeter großen Gelände zugange. Das Hotel in der Mitte wird zu beiden Seiten eingerahmt von 280 Eigentumswohnungen, in Größen von 75 bis 135 Quadratmetern.

Der Bauherrin gelang es, dem Denkmalschutz 34 Penthouses auf dem Dach abzuringen. Solche Toplagen kosten ab 650.000 Euro, eine Hundert-Quadratmeter-Wohnung um 350.000 Euro. „Das ist finanziell sehr lukrativ, weil ja die AfA hinzukommt“, sagt Hegerich.

Die AfA, also die „Absetzung für Abnutzung“ bedeutet, dass hohe Anschaffungskosten über einen längeren Zeitraum hinweg von der Steuer abgesetzt werden können, Käufer bekommen einen Teil der Kaufsumme zurück.

Ein Verkaufsargument, das Sales Manager Hubert Pölling bei jedem Interessenten ins Spiel bringt, der bei ihm im Showroom vorbeikommt, um sich die Musterwohnung anzusehen. Die Denkmal-AfA sei „die einzig verbliebene Möglichkeit, steuerliche Vorteile voll nutzen zu können“, erklärt er gerade einer vierköpfigen Familie aus Lübeck.

Einem Banker aus Leipzig rechnet er vor: 269.176 Euro für eine Drei-Zimmer-Wohnung, ein effektiver Jahreszins von 2,5 Prozent, drei Prozent Tilgung, das ergebe in zwölf Jahren, wenn die AfA ausläuft, einen Steuervorteil von: 83.668 Euro.