Aurel Marx Bordell Besitzer in seinen Haus in der Lankwitzer Strasse.
Foto: Berliner Zeitung/Christian Schulz

BerlinIn der Lankwitzer Straße 7 ist die kleine Klingel an der Tür in den vergangenen Wochen nicht sehr oft betätigt worden. Der Betrieb des Bordells wegen der Auflagen der Coronavirus-Pandemie eingestellt. Am Dienstag kamen immerhin ein paar Leute zum Gucken vorbei – der Rotlichtunternehmer Aurel Marx hatte zum Tag der offenen Tür eingeladen. Er will zum Internationalen Hurentag die Gelegenheit nutzen, um auf seine Branche aufmerksam zu machen. Die ist von den Behörden vergessen worden, findet er. „Die Physiotherapeuten arbeiten wieder, die Tattoo-Studios – nur für uns gibt es noch keinen Termin.“

Dabei hat der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) zusammen mit Bordellbetreibern erst vor wenigen Tagen ein Hygienekonzept vorgestellt, wie Sexarbeit auch in Zeiten des Abstandhaltens gelingen soll. Darin festgeschrieben ist eine Maskenpflicht, der Verbot von Gruppensex und die Vorschrift, dass das Fenster beim Geschlechtsakt offen bleibt. Außerdem sollen nur Sexpraktiken erlaubt sein, bei dem Prostituierte und Freier den Abstand von einer Unterarmlänge nicht unterschreiten.

Die Regeln waren für die Gagschreiber der ZDF-„heute-show“ ein gefundenes Fressen. Doch Aurel Marx nimmt sie durchaus ernst. „Warum soll das nicht gehen?“, fragt er. „Wir sind es hier doch schon immer gewohnt, mit Hygieneregeln umzugehen.“

Im kleinen Wohnungsbordell in Lichtenrade riecht es in der Tat eher nach Desinfektionsmittel als nach Sünde. Die drei dunkelrot gestrichenen Zimmer wirken wahrlich gut durchlüftet, auch wenn die schweren Vorhänge am Fenster das Sonnenlicht komplett aussperren. Die Statue eines sitzenden Buddhas blickt in Raum Nummer zwei auf ein Bett, dass seit dem 14. März nicht mehr benutzt wurde.

Jetzt sitzt Marx auf der schweren orangefarbenen Tagesdecke und erklärt, wie er sich einen Neubeginn vorstellt. „Kuschelsex und Missionarsstellung sind verboten“, macht er klar. Zu viel körperliche Nähe. Wie aber steht es damit, dass Kunden ihren Namen und ihre Mail-Adresse angeben müssen. „Das ist bei uns im Escort-Service ohnehin Standard“, sagt Marx. Er betreibt neben dem Bordell in der Lankwitzer Straße auch einen Begleitservice. „Ich schicke keine Frau zu einem Mann aufs Hotelzimmer, der seine Daten nicht angegeben hat.“

Mit Überbrückungshilfe für Kleinunternehmer

Die Frauen, die in der Lankwitzer Straße arbeiteten, sind Deutsche oder Polinnen. Sie sind alle längst in ihre Heimatstädte zurückgekehrt. Einen festen Stamm an Prostituierten gibt es auch im Bordell in der Lankwitzer Straße nicht. Die Frauen reisen viel in Deutschland umher, sind mal ein bis zwei Wochen in der einen Stadt, dann wieder in der anderen. Einige Frauen sieht Marx regelmäßig wieder, andere nicht. Viele Frauen arbeiten nur nebenbei als Prostituierte oder nur einen Teil des Monates. Zwei Frauen, die er kennt, arbeiten nun im Einzelhandel. Vermutlich werden sie zurückkehren, wenn die Pandemie vorbei ist.

Auch Marx hat von der Investitionsbank die Überbrückungshilfe für Kleinunternehmer erhalten. Das Geld ist längst verbraucht. Die Rolex an seinem Handgelenk vermittelt den Anschein, dass ihm das Wasser noch nicht bis zum Hals steht.

Die Stimmung in der Branche sei aktuell noch relativ gefasst, sagt er. „Ein Großteil der kaufmännischen Teilhaber ist sehr vernünftig. Aber alle brauchen jetzt mal eine Perspektive.“ Er kann sich vorstellen, dass das auch für das Finanzamt zutrifft. „Ich vermute aber mal, dass die auch gerne mal wieder ein paar Steuereinnahmen von uns hätten und nicht nur die Abschreibung von Betriebskosten.“ Marx verweist auf die Schweiz, wo die Bordelle wieder öffnen dürfen. Auch Österreich hat das in Aussicht gestellt. „Wenn es jetzt keinen genaue Zeitplan für uns gibt, dann wird sich das Metier wieder in eine Grauzone verlagern“, sagt er. „Und das findet dann zu hundert Prozent ohne Gesundheitsschutz statt.“