Kerpen/Niederzier - Regelrechte Jagszenen haben sich am Wochenende rund um den Hambacher Forst abgespielt. Während im Wald die Räumungsarbeiten der Baumhäuser ins Stocken gerieten, weil sich zwei Aktivisten in einem rund elf Meter tiefen Schacht verschanzt hatten, versuchten Hunderte von Unterstützern von draußen in den Wald zu gelangen.

Sie waren im Laufe des Samstagnachmittags in mehreren Gruppen überwiegend mit der Bahn angereist und marschierten dann in Richtung Wiesencamp. Dort hatte die Polizei unter massivem Einsatz von Personal und Fahrzeugen, darunter Wasserwerfer und Räumpanzer, sowie einer Reiterstaffel und Hundeführer einen Absperrriegel gebildet, den die Menschenmenge aber immer wieder an verschiedenen Stellen zu durchbrechen versuchte.

Gerangel mit Polizeibeamten

Dutzenden gelang dies auch, insbesondere im Bereich der Kiesgrube Collas. Es kam zu Gerangel mit Polizeibeamten und Verfolgungsjagden. In ruhigeren Phasen gab es aber auch Diskussion zwischen Polizisten und Demonstranten. Wer durchzubrechen versuchte und dabei erwischt wurde, wurde nicht zimperlich behandelt. Er wurde niedergeworfen und mit Kabelbindern gefesselt. Mindestens ein Demonstrant ist dabei verletzt worden.

Im Wald setzten sich die Jagdszenen fort. Hier versuchten Polizisten die Eingedrungenen wieder einzufangen. So wurde etwa eine Gruppe von vier jungen Mädchen abgeführt.

Aus Protest gegen den Absperrriegel vor dem Wald organisierten die Demonstranten eine Sitzblockade auf der Straße zwischen Büir und Morschenich (L 257) in Höhe der Mahnwache. Diese hatte zur Folge, dass auch die Polizeifahrzeuge nicht mehr von einem Ende des Waldes zum anderen fahren konnten: Bis zum Abend soll die Sitzblockade auf 250 Menschen angewachsen sein.

Im Wald war die Feuerwehr Kerpen den ganzen Tag damit beschäftigt, zwei Aktivisten aus einem rund vier Meter tiefen Schacht zu holen. Dieser war unter einer Hütte errichtet und mit Stacheldraht versperrt worden.

Aktivisten im Erdschacht

Welche Ausmaße das Erdloch habe, sei unbekannt, teilte die Feuerwehr noch am Samstagabend mit. Das Loch sei einsturzgefährdet und es bestehe die Gefahr erhöhter Kohlenstoffdioxidkonzentrationen. Die Feuerwehr leitete deshalb Frischluft in den Schacht ein.

Der Feuerwehrsprecher beklagte, dass sich die beiden Aktivisten im Schacht „unkooperativ“ verhalten und jede Kommunikation mit der Feuerwehr verweigern würde. Bis zum Abend saßen sie noch in dem Schacht. Die Kerpener Feuerwehr hat eine Grubenwehr angefordert, die sie bei dem Einsatz unterstützen sollte. Am Sonntagmorgen gaben die beiden Aktivisten ihren unterirdischen Protest dann auf.

Drei Bagger im Tagebau besetzt

Auch außerhalb des Hambacher Forstes gab es Aktionen von Braunkohlegegnern und Polizei: So besetzten am Samstagmorgen neun Personen drei Bagger sowie zwei Förderbänder im Kraftwerk Niederaußem. Zudem ketteten sich Personen dort an die Krananlagen. Gegen Mittag hatten die Einsatzkräfte Bagger und Förderbänder wieder geräumt, wie die Polizei Aachen berichtet.

Schon während der Anreise der Demonstranten zum Hambacher Forst gab es Kontrollen. Dadurch ist auch der S-Bahn-Verkehr zwischen Köln und Buir behindert worden. In einem Fall weigerten sich viele Demonstranten in Buir aus der S-Bahn zu steigen, weil sie am Bahnhof schon mit starken Polizeikräften erwartet wurden. Deshalb stiegen Polizisten im Kampfanzug in die S-Bahn mit ein, und fuhren bis Merzenich gemeinsam mit den Demonstranten. Diese versuchten von dort aus in Richtung Wald zu kommen.

Rund um den Wald hat die Polizei die Zugangsmöglichkeiten auch für Lebensmitteltransporte verschärft, berichten Kohlegegner. Selbst Trinkwasser in größeren Mengen werde nicht mehr hereingelassen. „Die versuchen uns auszuhungern.“

Mit mehr als einer Stunde Verspätung startete dann am Sonntag der Waldspaziergang mit dem Aachener Naturführer Michael Zobel am Bahnhof Buir. Um 12.40 Uhr zogen rund 7000 Menschen – nach Angaben Zobels – über Wege und Straße in Richtung Hambacher Forst. Die Demonstranten riefen immer wieder Parolen wie „Hambi bleibt“ oder „Kettensägen raus aus dem Wald“.

Immer mehr Menschen strömten auf unterschiedlichen Wegen hinzu. Der Protest verlief überwiegend friedlich, die Polizei beobachtete nur, hatte aber den Zugang zum Wald untersagt. Viele der Protestler kündigten an, zumindest zu versuchen, in den Forst zu gelangen.

Der Protestzug dauerte mehrere Stunden und wurde immer wieder von Zwischenkundgebungen unterbrochen. Über der Menge kreiste ununterbrochen ein Polizeihubschrauber, dessen Lärm auch die Kundgebungen störte. Auf Bitten Zobels zog die Polizei den Helikopter mehrere Hundert Meter weit ab. Die Protestmenge war bunt gemischt, von kleinen Kindern bis zu Rentnern. Viele begleiteten den Demonstrationszug auf Fahrrädern.