Bauernprotest in Berlin.
Foto: dpa/Wolfgang Kumm

BerlinDas Brandenburger Tor zählt zu den beliebtesten Fotomotiven in Berlin. Als solches hat es am Dienstag Konkurrenz bekommen. Hunderte Traktoren standen um das Tor herum. Ein spektakulärer Anblick, zur Freude von Schulklassen und Touristen.

„Krass groß sind die“, entfuhr es einem Schüler. Nein, so nah sei er einem Trekker noch nie zuvor gewesen, erzählte der Stadtjunge. Die Landwirte rücken sich hupend und knatternd ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ihre Sternfahrt nach Berlin markiert den Höhepunkt einer Protestwelle, wie sie Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat.

Landwirte fühlen sich von Politik verraten

Der Frust der Landwirte hat viele Quellen: Umweltschutzauflagen, Tierwohlbestimmungen, Handelsabkommen. Vor allem aber ist ihr Protest ein Ruf nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Landwirte fühlen sich von der Politik verraten und von der Bevölkerung verdammt. Diese Gefühlslage ist zunächst verwunderlich. Schließlich gibt die EU für nichts so viel Geld aus wie für die Bauern – mehr als für die Bereiche Sicherheit, Außenpolitik und Wirtschaftsförderung zusammen.

Der Etat des Bundeslandwirtschaftsministeriums umfasst im nächsten Jahr 6,7 Milliarden Euro – so viel wie nie zuvor. Kein anderer Berufsstand wird so gepäppelt wie die Landwirte. Aber Geld allein reicht nicht. Die Bauern fühlen sich unverstanden. Sie werfen der Gesellschaft doppelte Standards vor. Ihr Unmut ist nachvollziehbar.

Problem liegt auch beim Verbraucher

Die Vorstellung vieler Städter von der Lebensmittelproduktion auf dem Land entspricht dem Idyll aus Bauernhof-Kinderbüchern, nicht aber der Wirklichkeit. Mit dieser konfrontiert, fordern viele ein Ende von industrieller Fleischproduktion und großflächigem Einsatz von Pflanzenvernichtungsmitteln. Aber nur wenige Verbraucher sind bereit, selbst einen Beitrag dazu zu leisten – indem sie weniger Fleisch verzehren oder mehr Geld für Lebensmittel ausgeben.

Dass viele Bauern mit dieser Doppelmoral überfordert sind und von der Politik klare Ansagen fordern, ist verständlich. Zugleich ist da die Sorge vor dem Wandel. Landwirte haben keine Angst vor Modernisierung – Hightech ist Alltag im Stall. Aber der Wertewandel in der Gesellschaft macht den konventionellen Landwirten zu schaffen. Jahrzehntelang wirtschafteten sie nach der Devise „Wachsen oder Weichen“. Die Höfe wurden größer, die Maschinen effektiver, Erträge auf dem Acker und Leistungen im Stall üppiger.

Bauernverband hat an Rückhalt verloren

Diese Wachstumslogik stößt jetzt an Grenzen – an ökonomische, an ökologische und ethische Grenzen. Die EU-Kommission und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner haben eine vorsichtige Abkehr eingeleitet. Verschärfte Richtlinien und umgeleitete Fördermittel sollen zu einer geringeren Belastung des Grundwassers durch das Ausbringen von Gülle beitragen und den Insektenschwund eindämmen.

Die Maßnahmen sind unumgänglich – die Gesellschaft hat ein Anrecht auf sauberes Trinkwasser und ein intaktes Ökosystem. Doch die Politik hat es versäumt, den Wandel offen zu kommunizieren und die Landwirte frühzeitig wissen zu lassen, dass sie an deren Seite steht. Sie hat sich auf den Dialog mit dem Bauernverband verlassen – nicht ahnend, wie stark dieser Interessensverband an Rückhalt in der Bauernschaft verloren hat.

Grüne stellen mehr Agrarminister als Union

An seine Stelle sind Facebook- und WhatsApp-Gruppen getreten, die nun die Bauern zum Protest mobilisieren. Klöckner kämpft nun – massiv gedrängt auch von der eigenen Partei – mit Informationskampagnen um die Gunst der Bauern. Die Union täuscht sich jedoch, wenn sie meint, sie könnte ihren Status als Schutzpatronin der Landwirte zurückerlangen. Dazu fehlt ihr die Macht: In den Ländern stellen die Grünen inzwischen mehr Agrarminister als die Union. Auch darin spiegeln sich die neuen gesellschaftlichen Ansprüche an Landwirtschaft wider.

Gefragt ist jetzt Verständnis füreinander. Die Landwirte müssen die Erwartungen der Verbraucher an Klimaschutz und Tierwohl respektieren – und die Verbraucher müssen respektieren, dass Landwirte von ihrer Arbeit auskömmlich leben wollen. Verantwortungsbewusste Politik muss den Konsens für eine Agrarwende herbeiführen.