Berliner Iranerin: „Khamenei, Irans Frauen hören Ihnen nicht mehr zu!“

Der Ober-Ayatollah soll im Sterben liegen. In einem Offenen Brief richtet sich eine junge Iranerin im Namen der iranischen Frauen an seinen Sohn: „Jetzt ist endgültig Schluss!“

Der Tod der jungen Mahsa Amini im Iran löste international Proteste aus – so auch in Istanbul.
Der Tod der jungen Mahsa Amini im Iran löste international Proteste aus – so auch in Istanbul.AFP

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Die Iranerinnen und auch viele Iraner erheben sich gegen die Religionsdiktatur der Ayatollahs. Seit Tagen werfen Frauen ihre Kopftücher öffentlich ab, tanzen auf den Straßen, protestieren gegen das Regime. Auch in Berlin gehen Menschen auf die Straße.

Begonnen haben die Proteste mit dem Tod von Mahsa Amini. Die Sittenpolizei hatte die junge Frau festgenommen und so schwer misshandelt, dass sie verstarb. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen sollen mittlerweile mehr als 70 Personen von den Sicherheitskräften getötet worden sein. Auf Videos ist zu sehen, wie Polizisten auf Kinder in Häusern schießen. Das Internet wurde inzwischen im ganzen Land abgeschaltet.

Die Ereignisse könnten der Beginn einer anti-islamistischen Revolution sein. Das fordert Seyedeh Ala Paighambari. Sie verlangt das Ende des menschenverachtenden Regimes in einem Offenen Brief an den Sohn des Ober-Ayatollah Khamenei. Dieser soll im Sterben liegen. Paighambari fordert, dass mit ihm auch die Unterdrückung enden muss. Sein Sohn finde im Iran kein offenes Ohr mehr. Hier ihr Brief:

Abschiedsbrief – von den Töchtern der „Banu Iran“

Herr Seyed Mojtaba Khamenei,

ja, ich spreche Sie an. Ja, ich klage Sie an!

Durch die Abwesenheit Ihres Vaters ist anzunehmen, dass er zum aktuellen Zeitpunkt unpässlich ist und Sie gerne bald an seiner Stelle das Wort erheben möchten.

Um Ihnen die Vorfreude auf das „Wort erheben“ zu nehmen – Sie haben keine Zuhörer:innen mehr.

Jetzt verbieten Ihnen nämlich unzählige Frauen, im Iran und außerhalb des Irans, endgültig das Wort.

43 Jahre haben Sie den Frauen im Iran jegliche Rechte genommen. Ich finde, Sie, Herr Khamenei, nun nicht mehr anhören zu müssen, ist ein Recht, welches wir uns mühelos zurückholen!

Sie haben 43 Jahre eine Ideologie vorgeschrieben, die gegen jegliche Menschenrechte handelt.

Ich möchte hier betonen, Sie haben nicht den Islam vorgelebt, nein – Sie haben wahrhaftig gläubige Menschen methodisch manipuliert. Die Religion von Millionen Menschen ausgenutzt und beschmutzt, um Ihre systematische Unterdrückung zu argumentieren.

43 Jahre haben Sie es geschafft, durch das Schüren von Angst und Furcht an der Macht zu bleiben.

Die Natur des Menschen zeigt jedoch, irgendwann hat man keine Angst mehr.

Wir haben keine Angst, da wir nichts mehr zu verlieren haben und verhungern.

Ja, das iranische Volk verhungert.

Das Volk verhungert, aber nicht an den Sanktionen, die uns auferlegt wurden, weil Sie und die Regierung die Atomverhandlungen sabotieren. Ihr Ziel ist es, an Atomwaffen zu gelangen, die uns vergleichbar mit Nordkorea von der Außenwelt abschotten.

Das Volk verhungert, aber nicht an der schwachen Wirtschaft im Land, weil Sie an Stelle des iranischen Volkes Dritte, wie z.B. das Assad-Regime oder die Hisbollah, finanzieren.

Das Volk verhungert, nicht an der Tatsache, dass Sie ihm systematisch, mutwillig und täglich das Recht auf Strom und Wasser entziehen, um Kryptowährungen im Land zu generieren.

Das Volk verhungert, nicht an der Tatsache, dass es in fremde Länder flüchtet und auf hoher See, in Richtung Hoffnung, ertrinkt.

Nein, das iranische Volk verhungert aufgrund von über vier Dekaden anhaltender Unterdrückung.

Um es für Sie in einfachen Worten zusammenzufassen – die Menschen, die auf den Straßen des Landes Iran protestieren, tun dies, weil sie 43 Jahre immer und immer wieder Opfer Ihrer Machenschaften geworden sind.

Sie haben durch Vetternwirtschaft ein korruptes System aufgebaut, in dem nicht der geeignetste Kandidat ein Amt erhält, sondern der, der Ihrer antipathischen Ideologie gegenüber loyal ist. Durch solche Fehlbesetzungen haben Sie und Ihre Regierung dazu beigetragen, dass zahlreiche Iraner:innen bei den Einsturzkatastrophen in Abadan und Teheran starben.

Sie haben das ukrainische Flugzeug PS752 mit Raketen abgeschossen, 176 Todesopfer gefordert, es tagelang geleugnet. Alles, um anschließend die Dreistigkeit zu besitzen, Müttern die Leichen ihrer Söhne und Vätern die Leichen ihrer Töchter vorzuenthalten. Bis heute haben Sie die genauen Ursachen nicht aufgeklärt!

Sie haben aufgrund Ihrer Kontroverse mit dem Westen die Intelligenz des iranischen Volkes in Frage gestellt. Sie behaupteten, die Corona-Pandemie sei eine Intrige und haben daher die Einfuhr internationaler Impfstoffe verboten. Diese Entscheidung hat zum Tod von hunderttausenden Iraner:innen geführt.

Jetzt ist endgültig Schluss damit!

Wir werden nicht mehr hinnehmen, dass Sie uns die Grundrechte und das Recht, frei zu lieben – Rechte, die einem jeden Menschen zustehen – vorenthalten.

Wir werden nicht mehr hinnehmen, dass die Sittenpolizei, ohne jegliche Beweggründe, unsere Töchter, Mütter und Schwestern brutal verhaftet, demütigt und tötet.

Wir werden nicht mehr hinnehmen, dass Sie uns, das iranische Volk, durch gezielte Propaganda gegeneinander aufbringen. Wir sind nicht nur die einzelnen Ethnien, wir sind gemeinsam der Iran.

Wir werden all dies nicht mehr hinnehmen!

Herr Amini hat nicht hingenommen, dass seine 22-jährige Tochter Jhina Mahsa Amini unter Ihrer Verantwortung verhaftet und umgebracht wurde. Er ist nicht bereit, Ihre Lügen zu bestätigen, da er keine Angst mehr vor Ihnen hat. Da Ihr Patriarchat als Fundament nichts anderes als Angst vorzuweisen hat, möchte ich Ihnen heute offiziell vor aller Welt sagen: Wir, das iranische Volk und besonders die iranischen Frauen, lassen uns nicht mehr von Ihnen und Ihrer Regierung unterdrücken.

In den vielen vorangegangenen Demonstrationen im Iran, wie z.B. im Jahr 2009 oder auch 2019, ging es uns als Volk um unser Wahlrecht oder wirtschaftliche Missstände im Land.

Herr Khamenei, diesmal geht es um die grundlegenden Rechte von uns Frauen und um die Tatsache, dass wir Ihre Regierung nicht mehr im Land dulden. Ihre Regierung hat keine Daseinsberechtigung mehr, da ein Großteil des iranischen Volks jegliches Vertrauen in Ihre Führung verloren hat. Hätten Sie die Klagerufe der iranischen Mütter in Gegenwart der Sittenpolizei gehört, hätten Sie die Revolution kommen sehen.

Wir, das iranische Volk, sind keine Geiseln, die in einem Gefängnis aus fiktiven Gittern, welche Sie über Jahre durch Propaganda aufrechterhalten haben, gefangen bleiben.

Sie denken, die Tatsache, dass der Westen auf die Rohstoffe unseres Landes angewiesen ist, schützt Sie vor dem Sturz? Ich muss Sie leider auch hier enttäuschen. Wir, das iranische Volk, erlauben es dem Westen nicht mehr, diesen Femizid wort- und tatenlos hinzunehmen. Der Westen muss die mutigen iranischen Frauen, die alles für ein freies und selbstbestimmtes Leben riskieren, hören.

Ihnen sind die Protestrufe sicherlich schon zu Ohren gekommen, besonders der Ruf „Mojtaba, stirb und werde niemals Zeuge deines Amtes“. Ich wünsche Ihnen nicht den Tod. Sonst wäre ich wie Sie. Ich freue mich jedoch auf den Tag, an dem wir iranischen Frauen uns vereint von Ihrer Tyrannei befreit haben und mit offenem Haar durch die Straßen unseres freien geliebten Irans laufen.

Die Geschichte des Irans ist reich. Schaut man sich nur die vergangenen 2.500 Jahre an, ist eindeutig zu erkennen, dass wir es immer wieder geschafft haben, wie der Phönix aus der Asche aufzuerstehen und uns zu befreien.

Ich spreche hier als Stimme aller Iraner:innen, die in ihrem Zuhause für ein freies und unabhängiges Leben kämpfen – es ist Zeit für Sie, Herr Khamenei, Abschied zu nehmen.

Frau.Leben.Freiheit.

Seyedeh Ala Paighambari

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